Kultur : Renaissance der Porzellantassen

Die Hochschulinitiative SUSTAIN IT! setzt sich an der Universität mit ungewöhnlichen Aktionen für mehr Klimaschutz und Umweltbewusstsein ein.

Susanne Rothmund

„Porzellantasse oder Pappbecher?“ Die 25-jährige Elena Revenco steckt in einem Teufelskostüm, ihre Kommilitonin ist als Engel verkleidet. Himmel oder Hölle, hätten die beiden auch fragen können, als sie die Besucherinnen und Besucher in der Mensa vor die Entscheidung stellten: klimafreundliche Porzellantasse oder ökologisch weniger vertretbarer Pappbecher? Die Reaktionen seien unterschiedlich gewesen, sagt Elena Revenco: „Manche griffen dann aber doch zur Tasse und versprachen, das in Zukunft beizubehalten.“ Die kleine Inszenierung, mit der die Studentinnen gegen den wenig nachhaltigen Wegwerftrend „Coffee to Go“ stimmten, war Teil der diesjährigen Hochschultage „Sustain it!“ an der Freien Universität. Nach dem erfolgreichen Start im vergangenen Jahr stand drei Tage lang alles unter dem Motto „Mach mit beim Nachhalten“.

Mit Kunstprojekten, Theatervorführungen, Filmen, Ideenwerkstätten, Diskussionen, einem World Café und einem „Markt der nachhaltigen Möglichkeiten“ regten Mitglieder der Hochschulgruppe SUSTAIN IT! Passanten zum Innehalten, Mitmachen und Mitdiskutieren an. Die Studentin Raissa North engagierte sich für die Kunstaktion „Art to Stay“: Sie schuf mit anderen Studierenden einen Becherberg aus rund 12 000 Wegwerfbechern und damit eine kunstvolle Kaffeeoase: „Das Umweltbewusstsein war grundsätzlich schon da. Nun aber verzichte ich auf den Pappbecher und verlange bewusst eine Tasse.“ Offenbar war Raissa North mit dieser Einsicht nicht alleine: 250 sogenannte Campus-Cups aus Porzellan wurden aufgrund der Kunst- und Theateraktionen während der Hochschultage verkauft. Seit September bieten die Mensen des Studentenwerks Berlin zukünftig auch kompostierbare Pappbecher an, die zumindest dann in der Entsorgung nachhaltiger sind. Nele Schmidt, Absolventin des Masterstudiengangs Umweltmanagement, freut sich über den Erfolg der Filmvorführung „Die 4. Revolution“ zum Thema Erneuerbare Energien: „Anschließend gab es angeregte Diskussionen zur Energiewende. Einige Zuschauerinnen und Zuschauer sind direkt vor Ort zu Ökostrom-Anbietern gewechselt – ein erster Schritt zum individuellen Beitrag für Energie- und Klimaschutz im Alltag“, sagt Nele Schmidt.

Der „Markt der Nachhaltigkeit“ sorgte mit Aktionsständen für neue Denkanstöße: Elena Revenco beispielsweise geht nicht mehr ohne ihren Obstsaison-Kalender einkaufen. Der handliche Ratgeber, der bei den Hochschultagen verteilt wurde, verrät ihr, welches Obst und Gemüse zu welcher Jahreszeit in der Region wächst. Durch den Import von Lebensmitteln – insbesondere aus Überseeländern – werden schließlich mehr Treibhausgase produziert als beim innerdeutschen Transport regionaler Produkte. Ihren gesamten Freundeskreis hat Elena Revenco inzwischen mit einem solchen Kalender versorgt. Sehr beliebt auf dem Ideenmarkt war auch der Umsonst-Laden. Dort konnten gebrauchte Sachen abgeben und Neues mitgenommen werden. Ziel von Umsonst-Läden ist es, Gegenstände weiterzugeben, statt sie wegzuwerfen, um keine Ressourcen zu verschwenden. Am Ende war der Stand leer, selbst ein quietschgelbes Gummiboot hatte Abnehmer gefunden.

Cornelia Heine ist Studentin im Fach Ressourcenmanagement an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im World-Café-Forum lernte sie Mitglieder anderer Initiativen kennen, mit denen sie sich austauschte und vernetzte. Heine engagiert sich in der Studentenorganisation „The Nudge“: „Es geht uns darum, nachhaltige Konsumentenentscheidungen anzustoßen. Ein erster Schritt wäre es, die Standard-Voreinstellungen aller Universitätsdrucker auf ,beidseitig‘ zu stellen für den doppelseitigen Druck.“ Eine Idee, die sie ihren Mitstreitern an der Freien Universität weitergegeben hat.

SUSTAIN IT! ist eine gemeinsame Initiative umweltorientierter Studierender, der Grünen Hochschulgruppe (GHG), des Forschungszentrums für Umweltpolitik (FFU) und des Arbeitsbereichs Energie und Umwelt der Technischen Abteilung der Freien Universität Berlin. Studierende, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Freien Universität sowie Interessierte sind eingeladen, sich bei SUSTAIN IT! zu engagieren.

Patricia Margerison, Sekretärin am Forschungszentrum für Umweltpolitik der Freien Universität, kam durch die Hochschultage im vergangenen Jahr zur Initiative SUSTAIN IT!: „Für Umweltschutz interessiere ich mich schon lange, deswegen möchte ich mich jetzt auch als Privatperson am Forschungszentrum engagieren“, sagt sie. Ihre Kollegin Karola Braun-Wanke, hat die Hochschultage mitbegründet und koordiniert die Veranstaltung. Die Mitarbeiterin am Forschungszentrum freut sich über den großen Einsatz aller Betetiligten, die politische Aktualität und die Qualität der 14 Workshops, die von der Initiative ehrenamtlich umgesetzt wurden. Wichtig sei es, den Campus zu einem Ort des Dialogs und Handelns zu machen, sagt Karola Braun-Wanke: „Die große Herausforderung Klimawandel ist nur zu lösen, wenn jeder in seinem persönlichen und beruflichen Umfeld damit anfängt, ein Bewusstsein für die Nachhaltigkeitsprobleme unserer Zeit zu schaffen und Zukunft selbst zu gestalten“, sagt Braun-Wanke.

Der Einsatz aller Beteiligten hat sich schon ausgezahlt – und das Projekt hat eine weitere Würdigung erhalten: Ende September wurde die Initiative SUSTAIN IT! der Freien Universität Berlin von den Vereinten Nationen als offizielles Projekt der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ausgezeichnet. Susanne Rothmund

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