Renaissance Theater : Neunte ungültig – Beethoven war gedopt

„33 Variationen“ am Renaissance Theater.

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Haare wie ein ungemachtes Bett. Robert Gallinowski als Ludwig van. Foto: imago

Ja, genau so hatten wir uns den guten alten Ludwig van immer vorgestellt. Haare wie ein ungemachtes Bett, hochfahrende Gesten, durchdringende Augen und nach unbescheidener Selbstauskunft ein Bacchus, der den Menschen mit seiner Musik reinen Wein einschenkt, auf dass sie sich bis zur Verzückung daran besaufen mögen. Robert Gallinowski, vormals Ensemblemitglied des Deutschen Theaters, spielt den Maestro wie eine gedopte Lebendversion von Joseph Karl Stielers Gemälde „Portrait Beethovens mit der Partitur zur Missa Solemnis“. Es ist eine Genie-Nummer an der Grenze zur Parodie und als solche auch ein kleines bisschen Horrorschau. Denn der Künstlerkult soll hier weder ernsthaft noch komödiantisch infrage gestellt, sondern unter schiefer Perücke gefeiert werden.

„33 Variationen“ heißt das dazugehörige Stück des gebürtigen Venezolaners Moisés Kaufman, der es als Autor und Regisseur in New York zu einigem Ruhm und vielen Preisen gebracht hat. Die deutschsprachige Erstaufführung seiner theatralischen Recherche zu Beethovens Diabelli-Variationen besorgt nun am Renaissance Theater der Routinier Torsten Fischer, der sein Heil überwiegend in texttreuer Partitur-Bebilderung sucht. Das Drama Kaufmans spielt sich auf zwei Zeitebenen ab: Anno 1819 schreibt der Musikverleger Anton Diabelli (Ralph Morgenstern als eine Art Graf Zahn des Klassikerbusiness) einen luftigen kleinen Walzer und bittet die fünfzig namhaftesten Komponisten seiner Epoche, eine Variation darüber zu verfassen. Alle folgen brav, bloß bei Beethoven, dem vertaubenden Star, ufert die Sache aus, bis nach Jahren schließlich die titelgebenden 33 Diabelli-Variationen entstanden sind, das bedeutendste Klavierwerk seiner Art neben Bachs Goldberg-Variationen. Am Theater-Flügel spielt SooJin Anjou daraus, das immerhin sind schöne Momente.

Verschränkt wird die Historienpassage mit dem Schicksal der Musikwissenschaftlerin Dr. Katherine Brandt, die ins Bonner Beethoven-Archiv der Gegenwart reist, besessen von der Frage, was den Meister zu der manischen Beschäftigung mit dem unbedeutenden Walzer trieb. Die große Zadek- und Fassbinder-Darstellerin Rosel Zech gibt diese Ehrgeizgetriebene, die an ALS erkrankt ist und zunehmend verfällt. Als sie schon lallend im Rollstuhl sitzt, erscheint ihr endlich der Komponist höchstselbst und fordert zum Tanze, ein Todesfantasienkitsch, dem Zech mit der geballten Unerschütterlichkeit der echten Grande Dame begegnet. Dazu erzählt das Stück noch von Brandts Tochter Clara (Anne Berg), die unter den Überambitionen der Mutter leidet und eine Liebschaft mit dem Krankenpfleger Mike (Simon Zigah) beginnt. Lauter Parallelitäten und Polyfonien, die keine Harmonie eingehen wollen.

Das interessanteste Motiv entfaltet sich eher nebenbei. Wann immer Gallinowski seine Perücke absetzt, spielt er als Zweitrolle Anton Schindler, den bedingungslos ergebenen Sekretär Beethovens – plötzlich sehr konzentriert, sehr undurchdringlich. Da wird auf einmal die Tragik derer spürbar, die des Künstlers Nähe suchen und sich mit einem Leben als Satellit begnügen. Patrick Wildermann

Wieder von 26. bis 28. Januar und am 30. sowie 31. Januar.

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