• Renaissance Theater: Schauspieler müssen auch Maler sein: Udo Samel und seine Freunde spielen wieder "Kunst" (Interview)

Kultur : Renaissance Theater: Schauspieler müssen auch Maler sein: Udo Samel und seine Freunde spielen wieder "Kunst" (Interview)

Sammeln Sie Kunst[Herr Samel?]

Sammeln Sie Kunst, Herr Samel?

Ja, mache ich. Aber mehr verrate ich nicht, sonst müssen die Leute nur rauskriegen, wo ich wohne, und schon rücken Einbrecher an.

Bilder?

Auch.

Ein perfektes Bild: Gibt es das für Sie?

Vielleicht, aber ich will es lieber nicht beschreiben. Ich ahne, worauf Sie hinauswollen: Doch "Kunst" ist kein Stück über Kunst.

Sondern?

Eines über die Kunst der Freundschaft - die Fähigkeit, sich zu streiten und zu versöhnen.

Als "Kunst" vor fünf Jahren an der Schaubühne Premiere hatte, schrieben einige Kritiker, das Stück diffamiere die moderne Kunst.

Ein dummer Vorwurf. Ich habe damals die besseren mit den schlechten Rezensionen sehr genau verglichen: Alle, die dieses Stück nicht mögen, haben ein Autoritätsproblem. Haben entweder selber einen autoritären Charakter - ich könnte Namen nennen - oder sind autoritätshörig. Das Stück ist in der Art, wie es schwingt - auch in seinen Argumenten schwingt - etwas für Menschen, die über sich selber lachen können. Wer das nicht kann, bei dem schnappt etwas zu. Schon bei dem Satz, ein Bild sei "weiße Scheiße", empfinden die einen Geruch in der Nase und fangen an, das ganze Stück in diese Richtung zu drängen. Aber das Publikum, das unsere Aufführung geliebt hat, hat das offenbar nicht nötig.

In "Kunst" spielen Sie den Ingenieur Marc. Er sagt "weiße Scheiße" zu dem Bild, das sich sein Freund Serge - Gerd Wameling - für sehr viel Geld gekauft hat: Es ist eine weiße Leinwand, nichts weiter.

Marc war mal eine Art Führer der Gruppe, dieser Anspruch wird durch Serge in Frage gestellt: Er kauft Kunst und zwar eine, die es bislang im Freundeskreis noch nicht gab. Er behauptet einen Anspruch von Moderne, dem die Anderen nicht folgen können. Aber in "Kunst" wird nicht nur über Kunst, sondern in der gleichen Gewichtung auch über Essen gesprochen. In Frankreich ist das selbstverständlich, bei uns nicht. In der Art, wie sich der Konflikt zwischen den drei Freunden hin- und herbewegt, ist das Stück sehr raffiniert. Die Themen werden an einer scheinbaren Oberfläche verhandelt, darunter gibt es Tiefenregionen. Das hat mich an Botho Strauß erinnert.

Die "Zeit" schrieb nach der Premiere: "Wer die Augen zusammenkneift oder besser noch: ganz weit öffnet, der entdeckt unter der weißen Oberfläche der Komödie die Farben, die Schwingungen, die Nervenstränge eines wahren Dramas."

Wenn ich so gut formulieren könnte, würde ich das auch so sagen.

Ist "Kunst" ein Stück über Männerfreundschaft?

Es ist erst einmal ein Stück über Freundschaft. Yasmina Reza ist eine Frau, die Menschen sehr genau beobachtet. In diesem Fall sind es eben Männer.

Könnte "Kunst" ebenso gut von drei Frauen gespielt werden?

Ich würde sagen: nein. Das ist jetzt ohne große Überlegung gesagt. Ein Streit unter Frauen würde anders aussehen. Es gibt eine Art der Verletzbarkeit, des Beleidigtseins, auch des Anspruchs, der Haupthahn zu sein, der bei Männern besonders ist. Hähne hacken anders als Hennen.

Wie oft haben Sie "Kunst" an der Schaubühne gespielt?

240-mal vor ausverkauftem Haus. Bis März 1999.

Ist es ein komisches Gefühl, mit dem Stück jetzt auf eine andere Bühne, ins Renaissance Theater, zurückzukehren?

Nein. Es ist ein gutes Gefühl. Drei alte Freunde - Gerd Wameling, Peter Simonischek und ich sind auch im wirklichen Leben welche - treffen sich wieder und können miteinander in den Clinch gehen. Wir haben dafür ein sehr schönes altes Theater zur Verfügung gestellt bekommen. Die alte Schaubühnen-Bühne passt exakt ins Renaissance Theater.

Aber der Saal ist kleiner.

Nein, überhaupt nicht. Wir haben in der Schaubühne vor 580 Zuschauern gespielt, hier sind es 600. Und der Theaterraum ist sehr intim: Selbst wenn man ganz hinten sitzt, ist man ganz nah an der Bühne. Für "Kunst" ist das natürlich sehr gut. Das Bühnenbild ist dasselbe wie an der Schaubühne, auch die Kostüme werden die gleichen sein. Wenn sie noch passen.

Und es ist das selbe Gemälde.

Genau. Ein echter Antrios. Sehr kostbar.

Sie haben zur Schaubühne gehört. Waren sie traurig, als das Ensemble aufgelöst wurde?

Bei mir gab es eine Art Abnabelung schon 1993. Da habe ich mir eine Form von Trauer geschaffen, um wegzukommen. Gerd Wameling ging es ähnlich. Dadurch, dass wir selber weggegangen sind, sind wir nie rausgeschmissen worden.

Aber Ihr Name blieb mit der Schaubühne verbunden?

Ich sehe das mittlerweilen als einen Wandel, mit dem man lernen muss umzugehen. Vielleicht gibt es bei jedem Mensch mit Mitte 40 eine Erfahrung, die sein Leben ändert, Dinge, die in seiner Jugend selbstverständlich waren, werden anders. Wegzugehen und neu anzufangen ist eine gute Erfahrung, auch wenn Schmerz damit verbunden ist. Ich habe nach 1993 außerhalb von Berlin gearbeitet. Dass Berlin das gar nicht zur Kenntnis nimmt, hat mich schon verletzt. Deshalb ist die Freude groß, hier wieder arbeiten zu können. Meine Wohnung habe ich ohnehin nie aufgegeben.

Ist ein Schauspieler auch eine Art Maler: Er gibt Texten Farbe, pinselt Charaktere aus?

Natürlich. Dieser Beruf ist ein handwerklicher Beruf. Ich kann mich sehr gut mit einem Koch, einem Maler, mit einem Tischler über meine Arbeit unterhalten. Bei diesen Berufen wird der eigene Körper, ja das eigene Sein mit hineingegeben in das, was entsteht.

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