Kultur : Renate Peras beleuchtet die Zeit zwischen 1918 und 1950

Robert Kaltenbrunner

Zweifellos besaß das Berliner Stadtschloss Weltgeltung, genützt hat es ihm nicht viel: Mit dem von Walter Ulbricht verfügten Abriss gehörte das Bauwerk mit der bewegten Geschichte 1950 plötzlich selbst dieser an. Was im Krieg nicht unerheblich beschädigt wurde, war bereits im November 1918 in den politischen Ruhestand gegangen. Obgleich seiner zeremoniellen und repräsentativen Funktionen ledig, blieb das Bauwerk im Stadtraum wie auch im Identifikationswert wirksam. Auch die Weimarer Republik konnte darin heimisch werden, indem man dort ein Museum neuen Typs einrichtete. In der Zeit der NS-Herrschaft hielt zwar u.a. die Reichskulturkammer der bildenden Künste Einzug, gravierende Veränderungen blieben dem Schloss erspart. Erst das Bombardement der Alliierten vom Mai 1944 und vom 3. Februar 1945 zerstörte weite Teile.

Das Buch von Renate Petras, 1992 in Erstauflage erschienen und jetzt überarbeitet neu aufgelegt, trägt die wesentlichen Fakten zusammen, verhält sich distanziert seinem Gegenstand gegenüber, ohne spröde zu sein. Die Autorin gewährt einen tiefen Blick in die Archive, lässt die Zeitzeugen am liebsten für sich sprechen - und macht den Bau und seine Historie dadurch richtig interessant. So hat sie ein gelungenes Porträt einer der bedeutendsten Schöpfungen deutscher Baukunst und, je nachdem, eines symbolischen Reibungs- oder Konsolidierungspunktes nationaler Selbstfindung vorgelegt. Ein verkapptes Plädoyer für die Rekonstruktion hat sich dankenswerterweise nicht in den Subtext eingeschlichen. Vielmehr hält die Debatte, die der Schlosssprengung vorausging und die hier auszugsweise dokumentiert wird, der aktuellen Kontroverse zum Für und Wider des Wiederaufbaus einen Spiegel vor, der den Tiefgang und die Wahrhaftigkeit heutiger Argumentation nicht eben in schmeichelhaftem Lichte darstellt.Renate Peras: Das Schloss in Berlin. Von der Revolution 1918 bis zur Vernichtung 1950. Verlag Bauwesen, Berlin 1999, 160 Seiten, 49,80 Mark

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