Rencontres Internationales : Lady Di im Armenviertel

Kunst trifft Kino im Haus der Kulturen der Welt: Das Kunst- und Filmfestival Rencontres Internationales zeigt auf Bildschirmen und Leinwänden globale Momentaufnahmen, komprimiert aus Fakten und Fiktionen.

Claudia Wahjudi

Sandra wird entlassen. Fassungslos bittet sie ihren Chef, er möge doch nicht von „Bewegung“ sprechen, wenn er „Kündigung“ meint. Ein Angestellter der Uno wirft sich in seinem Büro einer Unbekannten in die Arme. Vor weißen Wolken kreist ein Mercedes-Stern, und in einem Armenviertel steht Lady Di wie der Heiland von den Toten auf. Krisenszenen und überspitzte Erlösungsfantasien beherrschen das Haus der Kulturen der Welt.

Das sechstägige Kunst- und Filmfestival Rencontres Internationales zeigt auf Bildschirmen und Leinwänden globale Momentaufnahmen, komprimiert aus Fakten und Fiktionen, in einer Ausstellung und täglich fünf Filmvorführungen. Sandras Kündigung war zwar fingiert, aber Teil eines realen Managertrainings, das die Amsterdamer Regisseurin Marianne Flotron filmte. Das Automarkenzeichen inszenierte der Medienkünstler Antoni Muntadas. Die Geschichten aus der UNO und von Prinzessin Diana haben sich Chelsea Tonelli Knight und Martin Sastre ausgedacht, ihnen jedoch mit Interviewpassagen den Anschein des Faktischen gegeben. Die Beiträge erzählen davon, dass gerade „etwas zu Ende geht, wir aber nicht wissen, wohin der Anfang führt“, sagte Bernd Scherer, Intendant des Hauses, zur Eröffnung.

Die Welt ist aus den Fugen in den 150 Filmen, die Nathalie Hénon und Jean- Francois Rettig aus 6000 Einsendungen ausgewählt haben. Seit 1997 leitet das Pariser Duo das Festival, das jährlich in Paris, Berlin und Madrid Synergien zwischen bildender Kunst, Video und Film thematisiert. Gastkuratoren gibt es nicht. Das macht die Auslese höchst subjektiv und anfechtbar, spitzt aber die Fragen der Festivalleiter zu. So wollen Hénon und Rettig nicht nur wissen, wie hoch „der Wert der Arbeit“ heute ist, sondern auch, was die digitale Revolution aus Filmkunst und Kunstfilmen gemacht hat.

Bereits an den ersten Tagen hagelte es Antworten. Die Kunst ist schnell geworden: Sogar Kostüme aufwendigerer Produktionen sehen aus wie frisch von der Straße. Videobilder, auf denen sich kaum etwas bewegt, sind auch bloß Fotografien. Wer auf sich hält, spielt mit seinen Kenntnissen der Kunstgeschichte. Der gemeinsame Gegner von Kunst und Kino ist der Journalismus mit seinem Vertrauen in die Macht der Fakten. Es gibt eine Sehnsucht nach Utopien, obwohl niemand an sie glaubt. Und bei all den Kunstfestivals zum Netzwerken und Mitmachen tut es gut, einmal zehn Kurzfilme hintereinander zu sehen und dabei in Ruhe über die Welt nachzudenken. Die Rencontres sind eine stille Veranstaltung am Rand des Stadtgeschehens. Claudia Wahjudi

Rencontres Internationales, bis 5. 7., John-Foster-Dulles-Allee 10, tgl. ab 14 Uhr, Diskussionen am 4. 7. um 14 und 18 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben