Kultur : Rendezvous von Mars und Venus

KLAUS HAMMER

Nancy Spero, Pionierin feministischer Kunst, und Leon Golub, figurativer Klassiker der amerikanischen Nachkriegs-Avantgarde, streben in den öffentlichen Raum und bevorzugen geschichtsträchtige Orte.So war ihnen das von Heinrich Tessenow 1911 errichtete Hellerauer Festspielgebäude, das - einst bahnbrechend für Theater und Tanz der Moderne - den Nationalsozialisten als SA-Kaserne, seit 1945 der Roten Armee als Sporthalle diente, höchst willkommen.Die desolate Bausubstanz, um die sich der Förderverein für die Europäische Werkstatt für Kunst und Kultur Hellerau seit 1990 bemüht, bildet die triste Folie für die Installationen des amerikanischen Künstlerpaares, die durch den umgebenden Raum eine besonders soziale Erkennbarkeit gewinnen.

Golubs Installation "Image Violence" stellt eine dreidimensionale Collage aus transparenten Folien dar.Diese hat er mit Fragmenten aus eigenen Gemälden, monumental vergrößerten Nachrichtenfotos und Computerbildern von den Kriegsfronten und aus Folterkammern bedruckt und sie in Beziehung zu Werken der ägyptischen, griechischen oder Maya-Kunst gesetzt.Indem er Soldaten in modernen Kampfanzügen mit archaischen Figuren konfrontiert, verwandeln sich letztere unversehens in monströse Gestalten.Ein aufrecht stehender Schlächter und ein hingestrecktes Opfer bilden ein Raumkreuz.Sie geben dem Ganzen eine liturgische Funktion, während die flehend erhobenen, aber vergeblichen Gebärden die umgekehrten Zeichen des Heils setzen.Die Pistole erscheint als Instrument der Macht und als phallisches Symbol zugleich.Überlebensgroß zeigt Golub die Köpfe einer getöteten Familie, gefesselte Hände, die Pistole am Kopf des Opfers, Soldaten vor einem ermordeten Kind, eine nackte Frau, von Männern gequält - Bilder der Gewalt.

Golub hat die Vorlagen so überarbeitet, daß ihre Grausamkeit um so deutlicher in Erscheinung tritt.Die banale Pressefotografie verwandelt sich in ein allegorisches Emblem, in ein theatralisches Spektakel.Das alles fluktuiert neben- und ineinander wie die verschiedenen Reportagen auf dem Bildschirm und bleibt doch einem ganzheitlichen Bilderlebnis untergeordnet.Die Wirklichkeitsbezüge tauchen - wie aus dem Unterbewußtsein zurückkehrend - als die noch nicht gänzlich vom Geist absorbierten Metaphern der Alltagswelt auf.

Mit ihrer Installation "Rebirth of Venus" hat Nancy Spero vom gesamten Ambiente Besitz ergriffen.Mit Hilfe der von ihr entwickelten Technik des Stempeldrucks brachte sie ihre halluzinatorischen Figurenbilder - zeitgenössische Akte, Frauen und Kinder des modernen Indochina und australische Aborigines, eine Athletin, prähistorische Fruchtbarkeitsidole, orientalische und griechische Göttinnen - in rhythmischen Fragmenten und leuchtenden Pastelltönen an die Wand.Wie die aus der Büchse der Pandora entwichenen Geister tauchen sie vexierbildhaft auf, tanzen über die Wände der Außenmauer, verstecken sich unter den Treppenstufen des Portikus, dringen in die Räume und Gänge vor, die zum Festspielsaal führen, ballen sich zu Gruppen zusammen, lösen sich, lassen leere Wände und Räume zurück.Die miteinander im Dialog stehenden Textschichten müssen vom Betrachter aufgeschlüsselt, die Konfigurationen der Bilder, Texte und Zwischenräume erkundet werden.Das alte Festspielhaus erscheint so in neuer Dimension: als Bühne des Unbewußten der Geschichte, des Magischen, Mythologischen und Animistischen.

Festspielhaus Hellerau, bis 9.August.

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