René Magritte : Wo Haut zu Holz wird

Brüssel ehrt den Surrealisten René Magritte mit einem eigenen Museum. Der Besucher läuft Magrittes Leben auf drei Stockwerken chronologisch ab. Das ist nicht einfallslos, sondern logisch.

Anna Pataczek

Wo denn der Mann mit dem Apfel vor dem Gesicht zu finden sei, fragt ein Besucher den Museumsangestellten. Ihm muss „Der Sohn des Mannes“ vor Augen geschwebt haben, eines der berühmtesten Gemälde René Magrittes von 1964, das auf dem Höhepunkt seines Schaffens entstand. Es verwundert kaum, dass der Besucher des neu eröffneten Musée Magritte in Brüssel hoffnungsvoll danach fragt – an einem Ausstellungsort, der sich auf 2500 Quadratmetern ausschließlich dem belgischen Surrealisten widmet. Doch das Gemälde vom Mann mit dem Bowlerhut, dessen Gesicht ein grüner Apfel verdeckt, befindet sich in Privatbesitz. Oder als Kühlschrankmagnet im Museumsshop.

Viele der bekannten Bilder sucht man vergeblich. Sie sind über die ganze Welt verteilt. Trotzdem ist die Sammlung im komplett umgestalteten Altenloh-Palais reich bestückt; sie gilt als die größte weltweit. 75 Gemälde, 58 Gouachen, Skulpturen, dazu eine Fülle von Briefen, Fotografien, Manifesten und Magrittes 8-Millimeter-Kurzfilme werden hier gezeigt, insgesamt etwa 250 Exponate. Die meisten Objekte stammt aus den Beständen der belgischen Königlichen Museen der schönen Künste, an die das neue Haus angegliedert ist, und aus der Magritte-Stiftung. Sie verwaltet das Erbe. Hinzu kommen privateLeihgaben.

Der Besucher läuft Magrittes Leben auf drei Stockwerken chronologisch ab. Das ist nicht einfallslos, sondern logisch: Magrittes Werk hat sich im Laufe der Jahrzehnte nicht weiterentwickelt, sondern verdichtet, wie der Hamburger Kunsthistoriker Uwe M. Schneede es einmal erklärt hat. Hier wird es offensichtlich. 1898 in Lessines im französischsprachigen Süden Belgiens geboren, hält sich der junge Maler nach dem Studium an der Kunstakademie in Brüssel zunächst als Grafiker in einer Tapetenfabrik und als Werbezeichner über Wasser. Einige der Plakate sind ausgestellt. Neben einem Ausflug in den Expressionismus, zeugt die „Kunstreiterin“ aus dem Jahr 1922 von kurzen konstruktivistischen Experimenten. Magritte spielt mit geometrischen Formen und Flächen. Doch schon bald wendet er sich dem Surrealismus zu. Nach wenigen Metern stößt der Museumsbesucher auf Magrittes eigentümlichen sachlichen Stil und jene immer wiederkehrenden Motive, mit denen er das Banale und Alltäglich verschlüsselt: Tauben, Wolken, Äpfel, Vorhänge, Gesichtslose.

1927 schreibt Magritte an seinen Freund Paul Nougé, Schriftsteller, Biochemiker und einer der führenden Köpfe der belgischen Surrealistenszene: „Ich glaube, ich habe eine Entdeckung gemacht.“ Der Maler arbeitet gerade an einem Frauenbildnis, bei dem die nackten Rundungen an vielen Stellen in hölzerne Maserungen übergehen. Um einen irritierend mysteriösen Eindruck hervorzurufen, lässt Magritte scheinbar nicht zusammenpassende Gegenstände ineinanderfließen, anstatt sie wie bisher nebeneinanderzustellen. Diese Methode wird er künftig häufig anwenden – mit Füßen, die Schnürungen haben, mit einem Frauenkörper, der in den Himmel übergeht, mit Vögeln, die zu Blättern werden. Oder werden die Blätter zu Vögeln?

„Surrealist sein bedeutet, das bereits Gesehene aus dem Geist zu verbannen und das Nichtgesehene zu suchen“, lautet eines der vielen Zitate, mit denen die schwarzen Wände des Altenloh-Palais überdeckt sind. Magritte war der Rationalist unter den Surrealisten. Eines seiner berühmtesten Werke ist die gemalte Pfeife, unter die er schreibt: „Ceci n’est pas une pipe“ – „Dies ist keine Pfeife“. Die Darstellung sei nicht mit dem Gegenstand zu verwechseln und löse nur die Vorstellung eines Objektes beim Betrachter aus, so seine Idee. Der Verfasser des Surrealisten-Manifests, André Breton, erweist ihm erst seine Gunst. Dann lässt er ihn wieder fallen. Magrittes Kunst ist nicht fiebrig, nicht wahnhaft, wie die eines Salvador Dalí etwa. Nach drei Jahren in Frankreich kehrt der Belgier 1930 nach Brüssel zurück. Und bleibt.

In Jette, am Rande der Stadt, bewohnt er 24 Jahre lang mit seiner schönen Frau Georgette die untere Etage eines Hauses. In der Rue Esseghem entstand etwa die Hälfte seines Werks. Vor zehn Jahren hat dort auf eine private Initiative hin ein kleines Museum eröffnet. Nun wurde dem Einzelgänger eine repräsentativere Adresse mitten im Zentrum eingerichtet: Auf dem sogenannten Kunstberg drängen sich die wichtigsten Museen und Ausstellungsorte des Landes. Rund 6,5 Millionen hat das neue Musée Magritte gekostet, zum großen Teil getragen von einem Energieversorgungskonzern.

Es ist ein Ort geworden, der gut zum letzten Werk passt, an dem der bekannteste Künstler Belgiens bis zu seinem Tod im Jahre 1967 gearbeitet hat: „Das unbeschriebene Blatt“. Über einer dunkel verschatteten Ansammlung von Häusern spannt sich ein hoher Nachthimmel. Von oben schieben sich Lorbeerblätter ins Bild. Darauf hat René Magritte einen Vollmond gesetzt. Blendend hell.

Wie die weißen, neoklassizistischen Königsbauten an der Place Royale, die den Besucher blenden, sobald er aus den abgedunkelten Räumen, aus einer hermetischen Bilderwelt wieder auf die Straße tritt.

www.musee-magritte-museum.be

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