Kultur : Renzo Piano Ausstellung: Gegen alles Schwere - In der Neuen Nationalgalerie Berlin

Bernhard Schulz

Unter die Architekten, die Berlin geprägt haben, wird künftig auch Renzo Piano gezählt werden. Der 62-jährige, hoch gewachsene Genueser gewann 1992 den Wettbewerb für das debis-Gelände zwischen Potsdamer Platz und Landwehrkanal, und was in den folgenden Jahren auf der Grundlage seines "Masterplans" von ihm und einigen weiteren Büros errichtet wurde, hat sich in den noch nicht einmal zwei Jahren des aktiven Gebrauchs zu einem lebendigen Stadtteil entwickelt. Es ist nicht das "steinerne Berlin", das in den hitzigen Debatten Anfang der neunziger Jahre so vehement gefordert wurde, sondern etwas Eigenes; und nicht wenige Beobachter meinen, am Marlene-Dietrich-Platz südländische Leichtigkeit und Heiterkeit zu verspüren.

Renzo Piano weist solche Analogie zwischen dem debis-Ensemble und seiner eigenen, mediterranen Heimat zurück; es sei schließlich um die europäische Stadt gegangen, die ein Amalgam sei aus nördlichen und südlichen Einflüssen. Aber so sehr Piano auch die Einbindung seines Entwurfs in die Tradition Berlins im allgemeinen und die senatsseitigen Vorgaben im besonderen betont, so fällt doch die Eigenart seiner Bauten ins Auge. Andererseits ist es schwierig, die Handschrift des Architekten im Sinne jener Markenzeichen auszumachen, wie sie andere Weltstars hinterlassen, bauen sie in Europa, den USA oder irgendwo im Pazifik.

Im pazifischen Raum hat auch Piano bereits gebaut, überhaupt fehlt ihm keiner der fünf besiedelten Kontinente mehr unter den Schaupätzen seiner Aktivität. In Nouméa, der Hauptstadt Neukaledoniens, hat er in den zurückliegenden Jahren das Kulturzentrum "Jean-Marie Tjibaou" errichtet, das mit seinen zehn hölzernen "Windtürmen" kein Vorbild in der europäischen Architektur kennt. Die Formen sind der regionalen Baukunst der Kanaken entlehnt und mit den Hütern ihrer Tradition entwickelt worden. Piano macht sich bei allen seinen Projekten mit der Eigenart des Ortes und seiner Geschichte vertraut, um eine spezifische Lösung zu erarbeiten, ob in Houston oder Basel, Sydney oder dem japanischen Kansai.

Einblick in seine Arbeitsweise gibt die Ausstellung "Renzo Piano. Architekturen des Lebens", die mit finanzieller Unterstützung von DaimlerChrysler jetzt in der Neuen Nationalgalerie zu sehen ist. Man darf sich die freischwebend an der Hallendecke aufgehängten "Tische" mit der Vielzahl ihrer Modelle, Konstruktionselemente, Zeichnungen und teils gar Computer und Bücher als Andeutung der Atmosphäre im "Renzo Piano Building Workshop" vorstellen, jenes auf zwei Hauptsitze in Punta Nave bei Genua sowie Paris verteilten Architekturbüros, das sich schon im Namen bewusst gegen die "Zeichenfabriken" durchkommerzialisierter Kollegen absetzt. Gewiss fällt der kommerzielle Erfolg des in eine alteingesessene Bauunternehmung hineingeborenen Piano nicht geringer aus als der irgendeines anderen der international gehandelten - und zumal, wie Piano vor zwei Jahren, durch den renommierten Pritzker Preis geadelten - Stars. Aber der Genueser, der die frühen Jahre seines Berufslebens als Wandergeselle in verschiedenen Büros zugebracht und sich unter anderem im Bootsbau versucht hat, legt auf die im Wortsinne handwerkliche Seite seiner Tätigkeit größten Wert. Er ist der homo faber, der noch jedesmal das Bauen neu erschafft und sich zur Not auch mit der Errichtung des bloßen Schutzdaches, der "Urhütte" der Architekturtheorie, zufrieden gäbe.

So sind es denn weniger die Entwurfszeichnungen, die die Ausstellung in den Mittelpunkt rückt, sondern eher die technischen Experimente, die Detailmodelle, die meist aus Holz oder Metall oder in deren Verbindung geschaffenen Werkstücke, die im Laufe der Erarbeitung eines Entwurfs entstehen. Das Genialische zeigt Piano gewissermaßen nebenbei, so beim Entwurf des riesigen und doch unvergleich leicht wirkenden Flughafengebäudes von Kansai, dessen geschwungene Silhouette er gleich beim ersten Besuch mit einem einzigen Strich als Abbild einer Vogelschwinge aufs Papier geworfen hat.

Auch der Straßenplan für das debis-Areal verdichtet sich in einer solchen Skizze, die später als Markenzeichen dieses größten deutschen Immobilienprojektes der Nachwendezeit diente. Doch die Regel sieht anders aus. Piano betonte das Lokale, die (Vor-)Gegebenheiten des jeweiligen Ortes, sein Klima und seine Topographie. Hinzu gesellt sich der universelle Aspekt der Architektur als Behausung des Menschen. Darin unterscheidet sich Piano beispielsweise von seinem Landsmann, dem allzu früh verstorbenen Aldo Rossi, der auf der Suche nach der verbindlichen Typologie der Stadt war.

Pianos "Jugendstreich", den er gemeinsam mit dem Briten Richard Rogers 1971 ausheckte, als das Duo völlig überraschend den Wettbewerb für das später seinem Anreger, dem Präsidenten Pompidou gewidmete Pariser Kulturzentrum gewann, blieb weitgehend folgenlos in seinem späteren Werk. So ausgiebig die Tüfteleien Pianos und seiner "Werkstatt", so wenig lässt der Architekt seine Bauten gestalterisch von der Technik dominieren. Ganz im Gegensatz übrigens zu Rogers, der auch bei seinen zwei Bauten für den debis-Komplex auf das Bild der Maschine setzte - und dabei vergaß, dass die Maschine als Metapher der Modernität mit der Jahrtausendwende ausgedient hat.

Heute wird der stets entspannt und unangestrengt wirkende Piano für Bauten gerühmt, die sich einfügen, ohne sich anzubiedern, die nicht zwanghaft originell sein wollen, sondern Charakter tragen. Was das heißt, zeigt sich insbesondere am Museumsbau, in dem Piano zuerst mit der Menil Collection im texanischen Houston brillierte, ein weiteres Mal dann 1997 mit dem Beyeler-Museum in der Nähe von Basel, die beide in der unvergleichlichen Qualität ihrer Lichtführung (und der Lösung der Klimaprobleme) Maßstäbe setzten. Verstört auf die Kehrtwende von Houston reagierten die Verehrer der zehn Jahre zuvor eröffneten Pariser "Kulturraffinerie", die darin das Modell des "Anti-Museums" gefeiert hatten und nun eines sahen, das der überkommenen Konzentration auf Meisterwerke einen unnachahmlich noblen Rahmen schuf. Solche Noblesse bringt Piano immer neue Museumsaufträge ein - zur Zeit in Arbeit sind Projekte in Bern, Dallas und Cambridge.

Pianos Lust an der Grenzüberschreitung der Disziplinen von Wissenschaft und Kunst teilt sich in der Berliner Ausstellung unmittelbar mit - so, wenn abends auch noch Filme auf hoch über den Köpfen schwebende Leinwände projiziert werden. Darunter ist bezeichnenderweise Fellinis "Die Clowns". Piano spricht denn auch von der Ausstellung als "Zirkus in einem griechischen Tempel".

Auch Musik ist überall. Piano ist mit vielen Musikern befreundet; so gab Claudio Abbado mit den Berliner Philharmonikern das Festkonzert zur Einweihung der Konzerthalle in der von Piano feinfühlig umgebauten Fabrik Lingotto am Rande des Turiner Stadtkerns. Dieser Koloss des Industriezeitalters muss Piano in der subtilen Verbindung des Seriellen und den geradezu poetischen Formen etwa der Auffahrtrampe zum Flachdach gereizt haben. Immer wieder finden sich bei Piano Formen, die sich aus ihrer technischen Zweckbestimmung deuten lassen, aber keineswegs jenes herrische form follows function behaupten, mit dem die klassische Moderne zum Dogma erstarrte. Die ingeniösen Fensterklappen und Lüftungsmembrane, die Piano mit der stolzen Freude des Bastlers vorführt, können so, aber auch anders aussehen.

Es ist ein durchaus heterogenes µuvre, das die Ausstellung vorführt. Sympathisch berührt, dass Piano nicht zwischen Haupt- und Nebenwerken unterscheidet: Alle 22 Tische sind gleich gross, und jeder Tisch zeigt in der Regel ein einziges Vorhaben. Auch das ist ein Element der Pianoschen Leichtigkeit - die Ausstellungsarchitektur, so sagt er, "kämpft gegen alle Schwere". Da kommt der Sozialwohnungsbau im glanzlosen 19. Pariser Bezirk nicht geringer zur Geltung als der superelegante Büroturm, der gerade in Sydney emporwächst. Oder auch das milliardenschwere debis-Projekt - das den besonderen Reiz hat, im Modell wie durch die großen Glasscheiben der endlich einmal gänzlich transparenten Halle der Nationalgalerie hindurch in der gebauten Realität dazustehen. Wieviel Berlinisches der debis-Stadt auch eignen (oder fehlen) mag - fest steht, dass sie auf eine unaufdringliche und doch unverwechselbare Weise "Renzo Piano" ist.

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