Reportage : Uno! Dos! Ultraviolento!

Vom Tango zum Pogo – in Argentinien sind die Toten Hosen Superstars. Warum singen dort Tausende „Eisgekuhlter Bommerlunder“ und „Chier kommt Alex“? Ein Ortstermin im Teatro Colegiales in Buenos Aires.

Kai Müller
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Campino von den Toten Hosen im Teatro Colegiales in Buenos Aires.Foto: Santiago Flores

En el principio fue el ruido“, steht auf der neuen Platte der Toten Hosen: Am Anfang war der Lärm. Das Problem ist, was vor dem Anfang passiert: 2000 Menschen eingepfercht in einem Club in Buenos Aires wollen Punkrock hören, aber es regt sich nichts. Gelegentlich zerreißt ein Schrei Richtung Bühne das Gemurmel. Von dort blicken die Kontrollleuchten der Verstärker wie glühende Augen aus der Dunkelheit zurück. Im Publikum stimmt einer „You’ll Never Walk Alone“ an, den Schlachtgesang Liverpooler Fußballfans, und der Saal fällt ein, als sei das für Argentinier die naheliegendste Sache der Welt, um sich die Zeit zu vertreiben. „Wirst sehen“, hatte Campino vorher versprochen, „das ist was anderes.“

Die Vorband ist längst wieder abgegangen und der kurze Anflug von Hysterie verflogen, als Campino in der kleinen Garderobe hinter der Bühne letzte Stretch-Übungen macht. Die Toten Hosen hören das Gemurmel auch, das über verwinkelte, dunkle Gänge in ihre Kammer dringt. Ihr Sänger spreizt die Beine, bis es in den Schenkeln zieht. Er ist nervös, seine vier Kollegen ebenso. Keiner zeigt es. Sie ziehen sich schnaufend Thrombosestrümpfe an. Rücken durchdrücken, Arme hinter dem Kopf verschränken, warm werden. Tacketi-tacketi-tacketi-tacketi macht es. Schlagzeuger Vom Ritchie lässt seine Sticks über Stühle, Tische und Schuhsohlen sausen. Wenn er sich nicht gerade eine Art Glätteisen in die zerrupften Haare schiebt.

„Keine Ahnung, was passiert“, grummelt Gitarrist Andreas von Holst, bekannt als Kuddel, und blickt von seinem elektronischen Backgammon-Spiel auf. Das ist erst einmal alles, was „der einzige Musiker in der Band“ (Campino) von sich gibt. Bassist Andi alias Andreas Meurer streift sich eines der von ihm designten Hemden über und schätzt, dass die Fans „sogar Kuddels Gitarrensoli mitsingen werden, das würde in Deutschland nicht passieren“. Aber Michael Breitkopf, genannt Breiti, der hagere Gitarrist mit der hohen, nachdenklichen Stirn, deutet auch die Tücken des argentinischen Temperaments an: „Die Fans sind persönlich gekränkt, wenn die Abstände zwischen den Konzerten zu groß werden.“ Campino klatscht in die Hände. „Heute wird bergauf gespielt!“ Er spricht gerne in Fußball-Metaphern.

14 000 Kilometer ist die Band von zu Hause entfernt. In ihren Knochen steckt ein 14-Stunden-Flug. Und Erwartungen haben einen Klang: Dass es nicht lauter zugeht im Publikum, verwirrt die Musiker.
In Deutschland würde es jetzt brodeln wie ein 16-Zylinder-Motor. Die Toten Hosen müssten nur noch auf das Gaspedal treten. Doch der Betreiber des El Teatro Colegiales hat nicht erlaubt, dass vorher Musik zu hören ist. Auch wird im Saal kein Bier ausgeschenkt. Nach einer Brandkatastrophe in einem anderen Club der Stadt, bei der 100 Jugendliche starben, sind die Auflagen streng. Ein Tote-Hosen-Konzert ohne Alkohol? Sauflieder ohne Ende, aber nichts zu trinken?

Das ist nicht nur für die etwa 50 aus Deutschland angereisten Fans gewöhnungsbedürftig. Allerdings brauchen die gar kein Bier, so berauscht wie sie von der Tatsache sind, es überhaupt an diesen Ort geschafft zu haben. „Das macht eben nicht jeder“, verkündet Steffen, 34, aus dem sächsischen Meuselwitz stolz, der seinen Jahresurlaub dafür drangibt. Zwei Stunden vorher hatten sich die Deutschen unter die Traube schwarz gekleideter Jugendlicher gemischt, die sich vor den Türen des alten Theaters bildete. Auf T-Shirts prangten Totenköpfe und der „Pleitegeier“, die Embleme der Tote-Hosen-Gemeinschaft, die Haare zu schwingenden Dreadlock-Büschen hochgebunden und farbig besprüht. Die Polizei rückte an, um eine benachbarte Pizzeria zu räumen.

Eine Lieferung mit Pizzen erreichte die Band gerade noch („Oh, sogar Thunfisch drauf“). In hastig aufgerissenen Pappschachteln kühlen sie aus, während die Musiker immer heißer werden und ihre Anspannung mit einem Ritual zerstreuen, bei dem sie einander im Kreis gehend auf den Rücken klopfen. Man sitzt dabei, auf einer zerschlissenen Couch, und denkt daran, was Campino auch gesagt hat: „Wenn man dich in Argentinien liebt, dann bedingungslos, möchte nicht wissen, was passiert, wenn man dich fallen lässt.“
Mehr als vier Jahre sind die Toten Hosen nicht mehr in Buenos Aires gewesen, ihrer „zweiten Heimat“, wie sie behaupten.  Durch die Pause könnte die innige Beziehung der fünf Düsseldorfer zu der Zwölf-Millionen- Metropole am Rio de la Plata einen Knacks abbekommen haben.

Dass die Chaotentruppe vom Rhein auf der anderen Erdhalbkugel sagenhafte Erfolge feiert, ist auch nach Deutschland durchgesickert. Sie würde „zu den populärsten ausländischen Rockbands“ in Argentinien zählen, heißt es. Und die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb 2003, „die Texte von ,Los Hosen’ sind weiter verbreitet als die von Goethe und Thomas Mann“. Es gibt mit Opelgang sogar eine argentinische Coverband, die ihre Songs originalgetreu nachspielt. Und die Toten Hosen selbst setzen noch einen drauf, wenn sie behaupten, dass man sie nie richtig erlebt habe, wenn man sie nicht in Argentinien gesehen habe.
Glauben kann man das alles nicht. Warum soll eine Punkband, die für Punk zu spät kam, die Deutsch singt und das meist unverständlich und die nicht besonders auffällig ist, ausgerechnet in Argentinien berühmt werden? Was macht den Reiz von fünf ungelernten Burschen in einem Land aus, das 14 Jahre Militärdiktatur hinter sich hat, in wirtschaftlichen Dauernöten steckt und Tangomusik liebt?

Um dieses rätselhafte Kapitel deutscher Popgeschichte fortzuschreiben, kommt es Ende April zu einem Auftrieb tätowierter, schwarz gekleideter, zum Teil ergrauter Techniker, Assistenten und Sicherheitsleute am Frankfurter Flughafen. 20 Leute umfasst der Tross. Zum Vergleich: Wenn sie in der kommenden Woche im Rahmen der „Machmalauter“-Tournee in der Berliner Wuhlheide gastieren, werden die Toten Hosen auf etwa 100 Leute Begleitpersonal zurückgreifen. Auch ein Kamerateam findet sich ein und umtanzt Campino für die Reihe „Deutschland – deine Künstler“.

Der Punk-Entertainer trägt eine schwarze Eisenbahnermütze, die sein rotblondes, drahtiges Haar vor die Augen drückt. Er lächelt skeptisch. „Mit der deutschstämmigen Bevölkerung in Argentinien hat unser Status nichts zu tun. Das ist ein Latino-Phänomen“, fegt er gleich alle Überlegungen zur Seite, die mit Begriffen wie „Heimat“ operieren. Bei ihrem ersten Besuch 1992 war die Junta gerade abgetreten. Ein Fan aus Karlsruhe, der zur Deutschen Bank nach Argentinien ging, hatte ihnen einen Brief geschrieben. Er berichtete von einer Punkszene und dass er Kontakt zu den Lokalmatadoren Los Violadores habe. Ob sie, die Toten Hosen, nicht kommen wollten, um mit den „argentinischen Sex Pistols“ zu spielen. „Wenn ihr Tickets schickt, sind wir da“, lautete die Antwort. Campino: „Wir glaubten ja nicht, dass es jemals dazu kommen würde.“
Die Tickets trafen ein. Die Hosen standen im Wort.

Seither waren sie immer wieder dort. Bisher neun Mal. Auch als nach der argentinischen Währungsreform 2001 der Markt zusammenbrach und sich Metallica und andere Superstars nicht mehr blicken ließen. Damals spielten die Hosen für umgerechnet drei Euro. Was dazu führt, dass den verdutzten Musikern diesmal nach der Ankunft im Hotel eine überdimensionale Urkunde überreicht wird: „Die internationale Rockband, die am meisten nach Argentinien gekommen ist“, steht darauf in altdeutscher Schrift.
Es werden Listen über solche Leistungen in Argentinien geführt. Das hat Campino & Co. einen ehrgeizigen Plan fassen lassen: den Konzertrekord der Ramones zu brechen. Die New Yorker waren zwar nicht öfter da, liegen aber mit 26 Shows weit vorne. Dee Dee, Johnny und Joey wurden wie Halbgötter verehrt. „Ramoneras“ nennen sich ihre Anhänger („Rollingas“ die der Rolling Stones). Eine Ehre, die nur sehr wenigen Bands zuteil wurde. Aber die Punkpioniere lösten sich wegen anhaltender Erfolglosigkeit im Rest der Welt, insbesondere in den USA, auf und starben.

Danach „musste man sich eine andere Band besorgen, um die Ramones zu ersetzen“, sagte ein argentinischer Fan über die Begeisterung, die auf die Hosen überschwappte, nachdem diese im Vorprogramm der Ramones aufgetreten waren. 17 Auftritte haben sie auf ihrem Konto, nach dieser Stippvisite sind es zwei mehr.

„Ich will hier verdammt noch mal öfter gewesen sein als meine Helden“, sagt Campino am Morgen des ersten Tages. Er liegt schräg und mit verknoteten Beinen auf dem Rücksitz eines Pkw, der ihn durch den dichten Verkehr zu einer Radioshow im ehemaligen Einwandererviertel Palermo kutschiert. Dort erfährt er, welchen Stellenwert er genießt. „Cual es“ heißt die Sendung („Wer ist“), bei der neben Campino auch Andi und Breiti zu Gast sind. Kuddel geht solchen Terminen aus dem Weg, und Schlagzeuger Vom Ritchie aus England, der ein lustiger Gesprächspartner wäre, würde nicht mit dem gleichen Selbstverständnis für die Band sprechen können wie die Jugendfreunde, die auch sämtliche Geschäftsbelange unter sich aufgeteilt haben. Vor dem Gebäude stehen Dutzende Fans. Die Deutschen werden durch einen Hintereingang geschleust. Sie hätten einen „so klassischen Rock-Sound“, setzt Moderator Mario Pergolimi zum ersten Tiefschlag an, „dass sich die Lieder alle gleich anhören“. Dann haut er dem Trio die üblichen Rock ’n’ Roll-Klischees um die Ohren: Drogen, Sex und Tod.

Antworten der Musiker werden mit Gewehrfeuer, Lachsalven und anderen Computertricks kommentiert. Im Hintergrund läuft zudem das von den Toten Hosen eigens für den argentinischen Markt veröffentlichte Album „La Hermandad“. Es sind überwiegend Songs ihrer aktuellen Platte „In aller Stille“ drauf sowie der Slime-Song „Viva La Muerte“, das ältere „Goodbye Garageland“ und „Vida Desesperada“, eine neue Komposition.

Wie deutsch sie seien, will Pergolimi wissen. „Wir haben uns gegründet, um für die Kids zu spielen, die dort leben, wo wir leben“, erklärt Campino diplomatisch. Fragen nach der Nationalität nerven ihn. Sie hätten nur übernommen, erzählt Campino zwischen den Kopfhörern, „wenn man nett sein will: weiterentwickelt“, was ihnen von englischen Punkbands vorgemacht worden war. Und er fährt fort, dass Punks wie er auf der ganzen Welt mit einem Blick durch die Straßen gingen, der sie in derselben Kneipe zusammenführe. Es hat sich bis in dieses Studio nicht herumgesprochen, dass der Sänger mit Bono und Bob Geldof befreundet ist. Er selbst betont die Nähe zu Bands wie Bad Religion, Faith No More und Social Distortion, die ihn mehr zu einer Figur der Punk-Internationale machen. Dann fügt er in schönstem Campino-Sprech hinzu: „Es ist nicht wichtig, in welcher Sprache man singt, sondern wie man von seinem Publikum verstanden wird.“

Am Abend im El Teatro lassen vier Worte die Menge augenblicklich explodieren: „Hey-ho, let’s go!“ Der Ramones-Klassiker „Blitzkrieg Bop“ ertönt, als Fanfare aus dem Off. Campino packt den Mikrofonständer, geht mit großen Schritten über die kleine Bühne, stemmt sich gegen eine Monitorbox, brüllt eine Begrüßung und schon drischt sich die Truppe durch den ersten von über 30 Songs: „Ihr könnt aufwachen, wir sind wieder da“, faucht Campino und setzt sein Tigerlächeln auf. „Wir schwitzen Lärm aus uns heraus / und jeder Ton frisst euch mit auf.“

Es klingt nicht schön, was die Toten Hosen machen, aber laut und kraftvoll. Die Gitarren bratzen und quietschen, und Campinos Stimme kippt in kehliges Gekrächze ab. „Wir haben hier noch nie eine Ballade gespielt“, hat Campino zuvor behauptet. „Argentinien ist wie ein Teil von Europa, aber mit dem Schuss Verrücktheit, den wir immer gesucht haben.“

Worum es bei dieser Musik geht, versteht man am ehesten mittendrin. Im Parkett des alten, leicht gammeligen Theaters hüpfen schweißnasse, entblößte Körper dicht an dicht, klatschen gegeneinander, die T-Shirts um die Hüfte gebunden. Die Toten Hosen verwandeln Menschen in Wasser und machen sie empfänglich für eine Energie, die sich wellenförmig durch die Reihen nach hinten fortpflanzt. Wie in einem Bottich schwappt es im El Teatro hin und her, erzeugt Strudel und wirft Blasen, die einzelne Tropfen in die Höhe reißen. Wildheit, die nicht gefährlich wird. Das ist das Ziel.

Die Idee vom großen Ausrasten wurde jedoch schon einmal erschüttert. Die Band musste erleben, dass ihre Wildheit auch tödlich sein kann. Im Düsseldorfer Rheinstadion starb beim 1000. Konzert im Gedränge von 60 000 Fans ein 16-jähriges Mädchen. Das Inferno-Kollektiv Tote Hosen wäre an dieser Erfahrung beinahe zerbrochen. Es war wieder ein Trip nach Argentinien, der ihnen das Gefühl für die Schönheit des Chaos vermittelte.

Wenn Campino eine Liste machen müsste mit den besten zehn Konzerten, die er je gegeben hat, wären „mindestens vier“ aus Buenos Aires dabei.
Da war Anfang der 90er Jahre die Sache mit dem leeren Club – ihr erster Auftritt. Totale Aufregung und Skepsis. Als Halbengländer war Campino noch gut in Erinnerung, wie seine englische Mutter während des Falklandkrieges ein Stück Fleisch in die Mülltonne geworfen hatte, weil es vom Kriegsgegner stammte. Und dann hatte er auch das WM-Viertelfinale 1986 nicht verwunden, bei dem Maradona die englische Fußballmannschaft vorgeführt und die Demütigung mit der „Hand Gottes“ gekrönt hatte.

Um Mitternacht war noch immer niemand erschienen, um diese komische Band aus Alemania zu sehen. Gegen zwei Uhr morgens tröpfelten die ersten Zuschauer ein. Um vier Uhr war kein Durchkommen mehr. „Konzerte habe ich meist langweilig gefunden“, schwärmt der von seinen Vorurteilen auf ewig Kurierte. „So hatte ich mir Rockmusik immer vorgestellt. Bis sechs Uhr morgens spielen und anschließend mit der Hälfte des Publikums in einem Club weiterfeiern.“

Das versetzte die Toten Hosen in die Zeit zurück, da sie mit einem klapprigen Bus durch die Lande zuckelten, spontane Wohnzimmerkonzerte gaben, einmal sogar die Villa des niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht verwüsteten und vor Auftritten oft nicht wussten, wo sie hinterher pennen sollten. Manchmal wussten sie es auch hinterher nicht, weil niemand etwas mit ihnen zu tun haben wollte. Als Quartier diente dann die Dachkammer irgendeines Jugendzentrums. Campino: „Die wurde abgeschlossen, damit wir ja nichts klauten.“

Die Toten Hosen waren die bösen Jungs. Und sie liebten es. Es war so leicht in den 80er Jahren, für Aufregung zu sorgen. „Mit Anfang 20 war es einfach geil, sich wie das letzte Arschloch aufzuführen“, sagt Campino. Vor allem, wenn man so sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt war wie die Bürgersöhne. Nur langsam bekamen sie ihren Alkohol- und Drogenkonsum in den Griff. Aus Anarchie wurde das „kontrollierte Chaos“ eines florierenden mittelständischen Unternehmens mit 15 Angestellten und zwei Auszubildenden.

Während sie zu Hause für die „Weizsäckerisierung des Punk“ verantwortlich gemacht („taz“) und als „lallende Jusos“ bezeichnet wurden („Titanic“), lebte in ihren Argentinientrips der wilde Geist des Abenteuers weiter. Einmal war der Andrang so groß, dass die Polizei Wasserwerfer einsetzte, um die Menge, die keine Tickets mehr bekommen hatte, vor dem Konzertsaal zu zerstreuen. Es kam zu Straßenschlachten. Ein anderes Mal drückten 3000 Konzertbesucher so massiv gegen die Absperrungen, dass die gesamte Bühne mehrere Meter nach hinten geschoben wurde und kollabierte. Die halbe Anlage stürzte in die Tiefe. „Wir hatten Angst, dass die Bühne unter Strom gesetzt werden und uns alle verbrutzeln könnte“, erinnert sich Breiti. Dem Naturschweiger kam als Einzigem, der Spanisch spricht, die Aufgabe zu, mit einem Megafon beruhigend auf die Menge einzureden.

„Ich habe noch nie gesehen, dass ein Laden so durchdreht.“ Schorsch Kamerun erinnert sich lebhaft daran, wie er die Hosen nach Südamerika begleitete. Der Sänger der Goldenen Zitronen erzählt, wie „fanatisch“ die Argentinier seien. „Die Leute verstehen die Band noch mal anders. Ich selbst habe die Hosen da erst wieder richtig gut gefunden, nachdem mir ihre Musik irgendwann etwas zu angekommen erschien.“

Eine unter alten Weggefährten weit verbreitete Meinung: Mit Punk habe Deutschlands populärste Rockband, diese gut geschmierte, wuchtige Maschinerie, nichts mehr zu tun. Sie hat alles erreicht. Rechnerisch besitzt jeder achte Deutsche eine Hosen-LP. Wie will man da Rebell bleiben? Im Koordinatensystem der Fans besetzen die Hosen „Deutschrock“, weshalb ihnen auch das Etikett Ballermann-Punk anhaftet. Das bedeutet: Hymnen zum Mitsingen und Wohlfühlzeilen wie „Ich will nicht ins Paradies / wenn der Weg dorthin so schwierig ist“. Doch beim Soundcheck spielen beide Gitarristen AC/DC-Riffs an und Kuddel meint, die Art, wie „Back In Black“ beginne, sei für ihn das Größte.

„Als Menschen sind sie keinen Schritt weiter als der Fan an der Imbissbude. Alles, was ein bisschen schicker daherkommt, macht sich verdächtig“, sagt Kamerun. Der Wunsch sei groß, bloß nicht abzuheben und nichts auszulassen. „Deshalb decken sie mit kleinen Konzerten in irgendwelchen Dorf-Clubs das auch noch ab.“

In der zweiten Stunde tobt das Menschenknäuel noch immer, ohne Zeichen der Ermüdung zu zeigen. Es ist dieselbe unbändige physische Energie, die in argentinischen Fußballstadien regelmäßig Ausschreitungen verursacht. Und sie bündelt sich im Refrain von „Uno, Dos Ultraviolento“, in dem es heißt: Wir sind so gewalttätig, wie ihr uns gemacht habt.

Das Lied von Los Violadores entstand zur selben Zeit wie der Hosen-Hit „Hier kommt Alex“ und bezieht sich ebenfalls auf den Film „Clockwork Orange“. Dieser Zufall beantwortet am besten die Frage, warum „Los Hosen“ nach Argentinien gehören. Dort sind sie mehr als nur eine Band, die schnelle Lieder spielt und beeindruckend professionell wirkt. Die Toten Hosen verkörpern mit einem solchen Selbstverständnis linke Ideen, dass sie auch für eine Jugend interessant werden, die von Ideologien die Nase voll hat. Außerdem knüpfen sie an die Tradition eines hart und kompromisslos auf das Wesentliche reduzierten Rock-Purismus an. Der erlebte in dem Tangoland Argentinien erst Ende der 80er Jahre seinen Durchbruch, also über zehn Jahre nach den Sex Pistols. Punkrock ist besonders unter Mittelschichtskindern aus den Randgebieten großer Städte beliebt.

Das Konzert ist fast vorbei, da steht Campino die größte Herausforderung bevor. Mit nacktem, perlendem Oberkörper erscheint er hoch oben über dem Publikum im Lichtkegel eines Scheinwerfers. Er klettert im ersten Rang über die Brüstung. „Ich hatte das Gefühl, noch nicht 100 Prozent gegeben zu haben“, wird Campino den halsbrecherischen Ausflug später kommentieren. Seine Klettertouren in die Bühnenarchitektur sind zum Ritual geworden. Gefährlich sind sie immer. Einmal fegte ihn eine lockere Stromleitung herunter. Sechs Meter über den Köpfen der Menge zieht der Sänger zwei Bierdosen aus der engen Jeans und ergießt den Inhalt über die Näherdrängenden. Es ist eine Art Abendmahl. „Bommerlunder“ ohne Bier, das geht eben nicht. Dann hängt er sich an die Brüstung.
„Was ist der Sprung ins Publikum anderes als die hilflose Geste, Distanz zu überbrücken“, sagt Campino, als er kurz darauf, durchnässt, in der Garderobe dafür sorgt, dass die Spiegel beschlagen. „Die Argentinier schätzen es, wenn man sich für nichts zu schade ist und etwas riskiert.“ Tiefe Schnittwunden im Arm inklusive. „Wenn du die Gesichter siehst, willst du gar nicht weniger als alles geben.“

Er lässt sich fallen. Und wird beinahe verschluckt. Später wird Campino sich entschuldigen dafür, mit Wucht auf Fans eingeschlagen und energisch gegen Köpfe und Hände getreten zu haben, die ihn im Getümmel nach unten ziehen wollten. Bump bump bump machte das Mikrofon. Campino, gerade 47 Jahre alt geworden, hält sich mit Thaiboxtraining fit. Wie er freikam, wie er es über die Köpfe hinweg zur Bühne schaffte und weitersang, weiß er nach dem letzten Akkord nicht zu sagen. Vornübergebeugt kauert er backstage auf dem einzigen Sofa. Alles klebt. Durchnässte Hemden und Hosen türmen sich zum Haufen. Campino pult das Klebeband von seinen Schuhen, mit dem er sie sicherheitshalber umwickelt hatte. „Damit hatten sie nicht gerechnet.“
„Du willst zufrieden sein / doch irgendwie gelingt es nicht“, hatte die Band zum Abschluss gesungen. „Ist das alles, was nach so viel Meilen ist?“

Für die Hosen geht die Party in einem anderen Club weiter. Bis in die Morgenstunden. Campino muss Ramones-Klassiker singen. Dann springt er durch ein offenes Fenster und ist weg.

Im Herbst wollen die Hosen wiederkehren für größere Shows vor bis zu 8000 Menschen. Aber Campino sagt auch, dass die Basis ihres Erfolgs die deutschen Fans bilden. Ohne die ginge es nicht, weil sie der Gruppe aus Krisen heraushelfen. „Auch wer uns noch nicht in Darmstadt gesehen hat, weiß nicht, wie wir sind.“

Die Toten Hosen spielen in Berlin am 3. Juli (Wuhlheide) sowie am 28. August (Waldbühne). Die ARD zeigt am 16. Juli ab 22.45 Uhr ein Porträt über Campino.

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