Kultur : Reporter der Reporter

Martin Pollack

Wer ihn flüchtig kennenlernt, käme nie auf die Idee, einem der großen Autoren unserer Zeit gegenüberzustehen, dessen Bücher in alle wichtigen Weltsprachen übersetzt wurden. Er meidet große Auftritte, bleibt lächelnd im Hintergrund; ein liebenswürdiger Einzelgänger, der von Zeit zu Zeit unserem Blickfeld verschwindet, für Wochen oder auch Monate. Dann erfahren wir von seiner Frau, Ryszard sei auf Reisen, er sei nicht erreichbar, melde sich selten. Irgendwann ist er plötzlich wieder da, ein bißchen erschöpft, ein paar Kilo leichter, aber zufrieden, weil er Material für ein neues Buch mitgebracht hat. Sein bekanntestes Werk, "König der Könige", eine Reportage über den Sturz des äthiopischen Herrschers Haile Selassie, die als Studie über die totalitäre Macht und ihren selber verschuldeten Zusammenbruch Gültigkeit behält, ist längst ein Klassiker, so etwas wie ein Lehrbuch für Reporter, die den Seilakt zwischen Journalismus und Literatur wagen wollen, den uns Ryszard Kapuscinski elegant und vollendet vormacht. Auch in seinen späteren Büchern, wie "Schahinschah", "Der Fußballkrieg", "Imperium" oder "Afrikanisches Fieber". Seine wichtigsten Themen sind die die Menschen der Dritten Welt, über die er in fünf Jahrzehnten mit nie ermüdender Begeisterung geschrieben hat und immer noch schreibt, mit scharfem Blick für ihr Leben Alltagsbegebenheiten und scheinbar nebensächliche Details, die er, fast pointillistisch, zu großen Bildern verarbeitet.

In dem neuen Buch, an dem Kapuscinski zur Zeit arbeitet, wendet er sich wieder Lateinamerika zu, wo er lange als Reporter tätig war. Dort sieht er heute ein Laboratorium neuer sozialer und kultureller Entwicklungen, die zu großen Hoffnungen und Befürchtungen Anlaß geben: Die Ereignisse vom 11. September haben uns gezeigt, wie zerbrechlich die Welt ist, wie leicht es fällt, die Konjunktur von Kriegen und Zerstörungen anzukurbeln, warnt er in einem Online-Chat, den die Warschauer Zeitung "Gazeta Wyborcza" kürzlich mit dem Autor für seine Leser organisierte. Vor ein paar Wochen hat die Zeitung ihrem ständigen Mitarbeiter eine eigene Webside eingerichtet: www.gazeta.pl/kapuscinski .

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