Kultur : Reporter ohne Grenzen

RALPH GEISENHANSLÜKE

Zu den Höhepunkten einer jeden "Muppet-Show" gehörte es immer, wenn Kermit, der Frosch, sich als Reporter betätigte. Mit Trenchcoat und Mikrophon stand er inmitten eskalierender Situationen und machte brav seine Aufsager. Selbst wenn im Hintergrund ein Wirbelsturm hereinbrach - Kermit trotzte ihm getreulich rapportierend,bis er am Ende von den Naturgewalten hinweggefegt wurde. Kermit gab immer alles. Das war nicht immer viel. Seine Texte beschränkten sich darauf, das zu erzählen, was ohnehin auf den ersten Blick zu sehen war. Kinder können daraus schon im Vorschulalter lernen, wie sich journalistisches Imponiergehabe und Substanz zueinander verhalten. Denn Frosch Kermit hat viele Brüder im Geiste.Ostwestfalen, gegen Mitternacht. Schwerbewaffnete Polizisten umringen ein Maisfeld. Sie vermuten darin den flüchtigen Mörder Dieter Zurwehme. Der hat sich längst absentiert. Aber das weiß zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Deshalb schalten die nächtlichen Nachrichtensendungen des Buntfernsehens immer wieder live zu ihren Reportern am Rande des Maisfelds. Und immer wieder bemühen sich die dort eingesetzten Journalistendarsteller, den Fragen ihrer Moderatoren tapfer zu antworten. Die Moderatoren sitzen ja im Studio und können schön klugscheißen. Sie da draußen aber haben nicht einen Halm von einer Neuigkeit. Statt in ein Mikrophon könnten sie genausogut in einen Maiskolben sprechen. Es ist der blanke Dadaismus. Trotzdem müssen sie immer wieder live drauf - und so tun, als würden sie atemlos den neuesten Stand der Ermittlungen verfolgen - ein demütigendes Ritual.Unwillkürlich stellt sich die Frage: Warum tun diese Menschen sich und uns das an? Die Antwort findet sich in ihren Gesichtern. Ihre Augen verengen sich zu messerscharfen Schlitzen, wenn sie ihr geschraubtes Zeug in die Kamera schwallen. Als würden sie ein Ziel anvisieren. Sie scheinen entschlossen, auch über eine geplatzte Wurst zu berichten, als wäre es eine Flutkatastrophe. Sie sind Reporter ohne Grenzen. Denn für sie ist Dabeisein alles. Dabeisein heißt Einsatz zeigen, heißt Karriere machen, heißt ganzganzwichtig werden. Dinge, von denen jungdynamische Anzugträger träumen, die als Kinder nicht die Muppet-Show gucken durften.Es gibt Leute, die sagen: Bald haben wir hier Verhältnisse wie in Los Angeles, wo die TV-Helikopter wie die Geier über der Stadt kreisen und jeder Auffahrunfall in die Nachrichten kommt. Doch von diesem Grad an eiskalter Professionalität sind die Pausenclowns am Rande des Maisfelds noch weit entfernt. Man könnte seine billige Freude daran haben, daß sie für ihren Ehrgeiz einen solchen Schrott fabrizieren müssen. Aber schöner wäre eigentlich, sie krempelten die Ärmel hoch. Willige Helfer weiß der Bauer bei der Ernte sicher zu schätzen.

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