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Re:publica11-Resterampe : Was alles fehlt

14.04.2011 20:28 Uhrvon
Zu viel Netzpolitik, zu viel Digitale Gesellschaft, zu wenig: Lan-Kabel. Die 're:publica' überfordert die Berichterstattung. Foto: Johannes SchneiderBild vergrößern
Zu viel Netzpolitik, zu viel Digitale Gesellschaft, zu wenig: Lan-Kabel. Die 're:publica' überfordert die Berichterstattung. - Foto: Johannes Schneider

Drei Tage "re:publica" sind definitiv zu viel für einen einzigen Menschen. Für einen einzelnen Journalisten sind sie viel zu viel, denn er muss noch schreiben. Und sei es nur, wozu er nicht gekommen ist.

Der spanische Journalist, der am Vortag fragte, was mir bei der "re:publica" fehle (Antwort: "Zeit!"), ist abgereist, hat die permanente Reizüberflutung nicht mehr ausgehalten. Alle anderen versuchen am letzten Tag, der eigenen Müdigkeit und der letzten großen Themen Herr zu werden. Das gelingt mal mehr, mal weniger gut. Hier nun die ergänzte und verlängerte Liste dessen, was gerade in unserer Berichterstattung der letzten drei Tage gefehlt hat - weil die Zeit fehlte, bestimmte, durchaus konkrete Ideen zu realisieren:

1. Die Zukunft des Internets: "Die Zukunft des Internets, der Welt und des ganzen Rests" war ein launiger Vortrag, den "wirres.net"-Blogger Felix Schwenzel am Freitagnachmittag im Kleinen Saal der Kalkscheune hielt.

Zeitgleich verbreitete Constanze Kurz vom Chaos Computer Club im Großen Saal Pessimismus bezüglich der "Datenfresser". Man hätte aus dieser Dichotomie hervorragend einige Zukunftsszenarien entwickeln können. Pessimistisch: Mit totalitären Staaten vermengte Monopolisten knechten die Netzgemeinde. Optimistisch: Die dezentralen Strukturen und der Bürgergeist siegen im Netz und überall, freie Menschen leben und bloggen in einer freien Welt. Realistisch: Es wird dies und das passieren, anderes nicht, es wird nicht ganz schlecht, nicht ganz gut und am Ende war alles halb so wild.

2. Leaking: Im Getrubel um die "Digitale Gesellschaft" sind Daniel Domscheit-Bergs Ausführungen zum Leaken als solchem und seine neue Plattform openleaks.org im Besonderen am Donnerstag etwas untergegangen. Dabei wären die durchaus noch einmal der Rede wert gewesen: Dass das Leaking für seine Pioniere eben bisher noch nicht funktioniert hat, weil außer dem Aufmerksamkeitshype um die Diplomatendepeschen noch nichts passiert ist, was die Welt tatsächlich verändert hat, kann nicht oft genug betont werden. Dass Domscheit-Berg die Aufmerksamkeit auf lokale Probleme verlagern, das Leaking mehr in einem greifbaren gesellschaftlichen Kontext wirken lassen will, ist aller Ehren wert. Unklar ist, ob das mit openleaks.org und Domscheit-Berg zu schaffen ist. Der Mann wirkte etwas abständig.

3. Digitale Gesellschaft: Ja, Herr Beckedahl, jeder darf einen Verein gründen, und nein, Greenpeace hat auch nicht die Umweltbewegung um Erlaubnis gefragt. Eines kritischen Kommentars ist das dennoch würdig: Zum Schutz und zur Interessenvertretung jenes öffentlichen Raums, der vor allem durch Mitsprache von allen auf allen Ebenen konturiert wird, blockt eine Gruppe Netzpolitiker die Masse raus. Das ist durchaus verständlich, wenn man etwas wirkungsvoll schützen möchte. Doch was gilt es noch zu schützen, wenn man das Schützenswerte im Moment des Beschützens ausspart? Parallelen zur Funktion von Notstandsgesetzgebungen in Demokratien drängen sich auf, Agamben und der "state of exception" winken von Ferne dem (potenziellen) Kommentator. Doch der hat keine Zeit, sich darum zu kümmern.

4. Politik ohne Netz: ... und doppelten Boden: Wo ist die, also die piefige Parteipolitik mit ihren Protagonisten? Die müsste hier doch vertreten sein, wo es um so viel geht. Wo ist die neuerdings so netzpolitische FDP auf dieser "re:publica"? Wo ist Sabine Leutheusser-Schnarrenberger? Wo sind die Jungen Liberalen? Wo sind die anderen Parteien? Und wo ist der Drang der "re:publica"-ner, mit ihnen zu kommunizieren? Nicht, dass ich irgendwen konkret vermissen würde. Aber komisch ist es schon, dass man auf der einen Seite lieber Kampagnen launcht, statt sich Parteibücher zu beschaffen, und auf der anderen, lieber große Reden schwingt, als "zu den Leuten" zu gehen, wie es immer so schön heißt. Ich sehe Parallelgesellschaften.

5. Gunter Dueck: Sein Vortrag über das "Internet als Gesellschaftsbetriebssystem" soll der Wahnsinn gewesen sein - ich habe mir davon nur berichten lassen und die bildungspolitische Diskussion in der Kalkscheune mit Dueck hinterher auch nur zur Hälfte und mit halbem Ohr verfolgt (also quasi zu einem Viertel, oder?). Ich musste schreiben, und habe vielleicht einen der wichtigsten Impulse verpasst. Doch die Frage habe ich mir auch schon gestellt? Wie muss er agieren, der Mensch mit Gesellschaft mit Netz? Was muss er lernen? Was muss er können? Was muss er sein? "Haben wir eine Chance auf eine psychologisch schönere Welt?" fragt Dueck im Veranstaltungsteaser. Die Antwort auf diese Frage verpasst zu haben, schmerzt vielleicht am meisten.

Was nicht mehr fehlt: Ein Text zum Thema "Crowdfunding".

Was nicht gefehlt hat: Ein Text zur Zukunft der Blogs. Es wird sie weiter geben - oder auch nicht. Sie werden sich verändern - oder auch nicht. Und die, die das am Allerentspanntesten sehen, sind die Blogger selbst. Punkt.

Was noch nie gefehlt hat: Lustige Fotostrecken mit "re:publica"-Besuchern, Umfragen zum Thema "Was gefällt dir am besten?" und eine Berichterstattung von den abendlichen Partys. Doch das mögen andere anders sehen.

re:publica12
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