Kultur : Republik der Verzweiflung

Was die Sprache zerstört: eine Münchner Diskussion über das Schreiben nach Srebrenica

Katrin Hillgruber

„Damit du siehst, damit du weißt, damit du dich erinnerst“: Dieser Appell prangt auf Fotos von Opfern aus Srebrenica, die derzeit in ganz Serbien plakatiert sind. Zum Teil seien sie mit Racheschwüren in kyrillischer Schrift verunstaltet worden, erzählt Svetlana Broz, Titos couragierte Enkelin, bei einem prominent besetzten Schriftsteller-Symposium im Münchner Literaturhaus zum 10. Jahrestag des Massakers. Laut der Chronik aus dem Dokumentationsbuch „Srebrenica – Ein Prozess“, herausgegeben von Julija Bogoeva und Caroline Fetscher (Der Tagesspiegel) , begann das Verhängnis am 24. Mai 1995. An diesem Tag schlug der Kommandeur der Uno-Schutztruppen in Ex-Jugoslawien, Bernard Janvier, dem Sicherheitsrat die Aufgabe der Schutzzonen vor. Vom 6. bis 11. Juli eroberten die bosnischen Serben unter General Ratko Mladic die ostbosnische Exklave Srebrenica. Zehntausende Frauen und Kinder wurden mit Bussen deportiert. Serbisches Militär und Militärpolizisten der bosnischen Serben ermordeten vom 12. bis 18. Juli bis zu 8000 muslimische Jungen und Männer.

Nicht nur Svetlana Broz, die als Kardiologin und Journalistin in Belgrad lebt und ein ermutigendes Interviewbuch mit den Kriegsopfern aller Parteien veröffentlichte, findet es unfassbar, dass die genaue Zahl der Opfer bis heute nicht ermittelt wurde. Nicht die unheilvolle Einteilung in Volkszugehörigkeiten, sondern die Unterscheidung von Menschen und Unmenschen sei die einzig angemessene, vor allem in der instabilen Nachkriegsgesellschaft Serbiens, die am Trauma Srebrenica krankt. Das wurde umso deutlicher, als Anfang Juni im Fernsehen ein dokumentarisches Video von 1995 lief. Es zeigt die Erschießung von sechs jugendlichen bosnischen Moslems durch Angehörige der serbischen Polizeieinheit „Skorpione“. Eine befreiende öffentliche Reaktion der Scham und Reue blieb bis heute aus. Wie in Russland dominiert die triumphale Kultur der Massengräber, die Nachfragen kaum zulässt.

„Wir alle sind Bewohner des gleichen Landes, der Republik der Verzweiflung“, fasste Bora Cosic die Stimmung in eine Formel. Der große serbische Poet, der 1932 in Zagreb geboren wurde und heute in Istrien und Berlin-Charlottenburg lebt, hat das Grauen von Srebrenica jüngst in das albtraumhafte Gedicht „Die letzte Kinovorstellung“ transponiert: „die Jürgeren glauben so sieht der Film aus / die Älteren sind schon tot / es muss ein ganzes Jahrhundert vergehen / bis ein Rezensent der Geschichte / eine Kritik schreibt“.

Die Politik in Gestalt des Massakers von 1995 als alles bannende Leerstelle im balkanischen Bewusstsein dominierte diese Tagung, bei der eigentlich die Literatur das Wort führen sollte, allzu sehr. Vom Machtmechanismus der „zynischen Distanz“ sprach der slowenische Schriftsteller und publizistische Handke-Antipode Drago Jancar. Er und der luzide Essayist Dzevad Karahasan aus Sarajewo, der eine instinktive Abneigung gegen Superlative hegt, erwiesen sich als Seismografen der sprachlichen Zerstörungen, die der Krieg bewirkte. So ist in Kroatien, wo man sich oft unfreiwillig komisch um die lexikalische Abgrenzung zu Serbien bemüht, das Wort „arbeiten“ als serbisch-bolschewistisch verpönt; nun gibt es dort nur noch „Tätige“. Doch was tun, wenn die Sprache als einziges „Medium unserer Emanzipation“ – so der Zagreber Verleger Nenad Popovic – unwiederbringlich Schaden nimmt, da hinter ihr keine große Kulturnation steht? Fragen und Beunruhigungen, auf die es noch lange keine Antwort gibt.

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