Kultur : Requiem für eine Ratte

Ralph Geisenhanslüke

Auf den ersten Blick erinnern sie an zwei Sachbearbeiter in einer Kundendienstabteilung: Herr Daniel (leger gekleidet) und Herr Schmidt (mit Schlips) blicken konzentriert auf ihre Computer-Monitore - doch ihr freundliches Lächeln verheißt: Gleich werden sie uns wieder ihre ganze Aufmerksamkeit schenken. Einen Moment noch, bitte.

So, jetzt hören Herr Daniel und Herr Schmidt genau zu. Extrem genau. Sie haben das Zuhören nämlich zu einer Kunstform gemacht. Herr Daniel und Herr Schmidt lauschen der Welt all ihre Klänge ab und verarbeiten sie zu Musik. Mögen andere die Musik kannibalisieren, indem sie Dinge in ihre Sampler laden, die wir schon zur Genüge kennen: Herr Daniel und Herr Schmidt tun so etwas nicht. Unerschrocken ziehen sie mit ihren Mikrofonen hinaus, um gänzlich unerhörte Geräusche zu sammeln. Zum Beispiel in diesem Krankenhaus in Kalifornien, chirurgische Abteilung: hier eine Nasenkorrektur, dort ein Laser-Eingriff am Auge. Das Booklet ihrer CD führt getreulich Skalpelle und Anästhesie-Geräte auf.

Jetzt stehen Herr Daniel und Herr Schmidt auf der Bühne in der Deutschen Oper Berlin und ihr erstes Stück beginnt mit dem schlürfenden Geräusch, das entsteht, wenn am menschlichen Körper Fett abgesaugt wird. Fett absaugen in der Oper - das hätte sich kein Aktionskünstler so radikal ausdenken können. Doch Herr Daniel und Herr Schmidt spielen ihre Komposition "Lipostudio" als wäre nichts dabei. Und das Publikum ist auch ganz arglos. Schließlich sind die Leute gekommen, um Björk zu hören.

Doch das erste Drittel des Abends haben Daniel und Schmidt - die unter dem Namen Matmos einen wesentlichen Teil von Björks letztem Album geprägt haben - für sich. Deshalb können sie zum Beispiel noch zeigen, wie sie auf dem Käfig ihrer mittlerweile verstorbenen Ratte Felix ein Requiem spielen. Der Rattenkäfig, mit einem Bogen gestrichen, klingt so zart und gewaltig, so verwirrend und komplex - da kann selbst einer wie Stockhausen einpacken.

Es spricht für Björk und ihren Geschmack, dass sie diesen exklusiven Abend auf diese Weise eröffnet. Wie die Selma im Film "Dancer In The Dark", mit dessen Ouvertüre der zweite Teil beginnt. Selma träumt in der Akkord-Hölle der Fabrik, dass die Maschinen Musik machen - so wird auch bei Björk alles zu Musik. Die Welt ist Klang. Auf ihrem Album "Vespertine" führt sie das vor. Aber Björk gibt nicht eine dieser üblichen Veranstaltungen, nicht das Event zum Produkt zum Event, wie der Pop-Zirkus es normalerweise erwartet. Dieser Abend wird ein Björksical mit Chor und großem Orchester. Und er beginnt - mögen auch die ewigen Eis- und Feen-Metaphern im Zusammenhang mit der Sängerin aus Island mittlerweile komplett durchgenudelt sein - im Schneegestöber.

In der Mitte der weiß ausgeschlagenen Bühne steht sie, barfüßig, im Schwanenkleid und singt von der Liebe, die sie in der Einsamkeit ihrer Hütte so nah, so poetisch, so klar beschrieben hat. Auf dieser mehrfach verlängerten Tournee gibt es allerdings die Cinemascope-Version von der Hütten-Gemütlichkeit.

Wenn die Streicher der Schwänin unter die Schwingen wehen, wenn die Harfe und die 14-Innuit-Frauen mit ihr abheben, dann geht es - mit teilweise komplett neuen Arrangements - in die Stratosphäre der klanglichen Verfeinerung. So schön, so "Frostig". Und auch Herr Daniel und Herr Schmidt erweisen sich als loyale Mitarbeiter im Dienste der Gänsehaut-Erzeugung.

Sparen wir uns die fälligen Superlative. Björk gilt schließlich mittlerweile als die Anti-Madonna. Nicht nur, weil an ihr alles natürlich erscheint, was bei Madonna gekünstelt wirkt, sondern auch, weil der Aufwand, den Björk treibt, dem künstlerischen Ausdruck dient - und nicht dem Höher-Größer-Weiter der genannten Image-Maschinerie. Statt einer Science-Fiction-Bühnenhydraulik leistet sie es sich, ein 54-köpfiges Orchester mit auf Tournee zu nehmen.

Und schließlich bringt sie es bei dieser luxuriösesten Klangdarbietung der Saison auch noch fertig, während des dritten Teils, in einem Feuervogel-Kostüm, House- und schließlich sogar Break-Beats in die Opernhäuser der Welt zu tragen.

Das kann heiter werden, wenn Lars von Trier in fünf Jahren nach Bayreuth kommt.

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