Kultur : Requiem in Grau

Heimat ohne Halt: Der Berliner Fotograf Stefan Eikermann porträtiert Brandenburg als Seelenlandschaft

Henri Kramer

Sie ist weg. Aber die Orte, an denen sie oft vorüberging, sind noch da, verharren schweigend ohne sie weiter. „Mittags fand er sie tot in ihrem Haus“, schreibt Stefan Eikermann. Es sind die Anfangszeilen eines Textes, mit dem der Fotograf seinen etwa achtzig Bilder umfassenden Zyklus „Heimat – ein Epilog“ einleitet. Doch die Frau, „die Barnick“ nennt er sie, hat es nie gegeben. Ein Abschied sind Eikermanns Landschaftsaufnahmen trotzdem. Sie porträtieren ein brandenburgisches Irgendwo im milchigen Dunst. Leere Fußballplätze, Gärten, verschlammte Toreinfahrten und Wege, stille Seen, verfallene Garagen und verlassene Häuser mit schwarzen Fensterhöhlen. Trostlose Orte. Nicht nur ein Mensch fehlt.

Der gebürtige Berliner hat aus solchen Ansichten einen suggestiven Erinnerungsfilm montiert, über 18 Meter reihen sich seine 80 Fotos aneinander. Das einzelne Motiv wirkt dabei zwangsläufig bedeutungslos, fast lapidar. „Es sollte ein Abschied von der Kindheit sein“, sagt der 32-Jährige heute über die Idee des Projekts. Als er es in Angriff nahm, war er gerade 22 Jahre alt. Er studierte Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und bezog sich auf den Philosophen Ernst Bloch. Heimat, so schrieb Bloch einst, sei etwas, „das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“. Ein Ort also, den es nicht gibt: Eine Sehnsucht. Ein Begriff ohne Halt in der Wirklichkeit und doch ein Halt.

Seit über zehn Jahren lebt Eikermann in Grimme in der Uckermark, wo er einen Biobauernhof bewirtschaftet, mit seiner Frau und zwei Kindern wohnt, Schweine mästet und sie schlachten lässt, Gemüse anbaut und sein Geld als Landwirt verdient. Das Gefühl für die Stadt habe er darüber verloren, sagt er. Und wohl auch für Kunst, die im Vorbeigehen konsumierbar ist. Nun hängt sein Bilderstrom, den der Betrachter wie eine Spurensuche abschreiten muss, im Kulturforum am Potsdamer Platz; neben den Arbeiten von 19 anderen Künstlern, die wie er für ihre Dokumentarfotografie von der Wüstenrot Stiftung seit 1994 mit Förderpreisen ausgezeichnet worden sind. Ihnen ist neben einer formalen Strenge auch gemein, dass sie dem Einzelbild kaum Bedeutung beimessen. Erst der Zusammenhang stiftet jenen Realitätsabdruck, vor dem man sich nicht verschließen kann.

Mit der steigenden Verbreitung der Digitaltechnik haben auch Amateure fast unbegrenzt viele Versuche für ein brauchbares Bild. Stärker als früher müssen Kamerakünstler deshalb eine Sprache finden, die dieser Beliebigkeit trotzt. „Die Dokumentarfotografie ist mehr denn je eine Frage des Standpunkts und der Weltsicht“, schreibt Kurator Arno Gisinger im begleitenden Katalog-Essay. Standpunkt, das meint hier nicht nur Blickwinkel. Vielmehr eine Vernarrtheit in seinen Gegenstand, die zur Obsession werden kann.

Auffällig oft widmen sich Eikermann und Co. der Tristesse. Etwa die Hälfte der ausgestellten Stiftungspreis-Gewinner fängt die Melancholie von Plätzen ein, an denen nichts passiert. Christian von Steffelin etwa zeigt in seiner Fotoserie über den Palast der Republik einen Ort vor dem Untergang. Einen ebenfalls historisch belasteten Ort hat Christoph Holzapfel in den Blick seiner Videoprojektion genommen. Die Bernauer Straße wird vom ehemaligen Mauerstreifen aus mit fünf Kameras beobachtet, grüne Wiese vorn, die Häuser hundert Meter entfernt, gelegentlich läuft ein Jogger vorbei. Das ist alles. Eine wie eingefrorene Szenerie.

Die Leere auf den Bildern von Stefan Eikermann ist ebenfalls ein durch Beiläufigkeit entfesseltes Monster. „Die Landschaften benutze ich auch als eine Art Seelenspiegel“, sagt er und gibt sich als Romantiker zu erkennen. Für ihn sind Bilder ein Erfahrungsschatz, ein Schrank, in den er seine Umwelt hineinräumen kann. So besitzt er Fächer für bestimmte Themen, füllt sie mit Bildern, egal ob daraus einmal ein echtes Ausstellungsprojekt wird oder nicht. „Ich bin beim Auswählen eher die Schnecke unter den Fotografen“, urteilt Eikermann. Den Luxus Zeit besitzt er als Selbstversorger.

Inzwischen, so sagt er, lässt er die Texte weg. Was brauchen seine Bilder Literatur, um zu sein! Und hat nicht Dürrenmatt gesagt, dass das Beobachten selbst ein elementar dichterischer Vorgang ist?

„Zeit Raum Bild“, Kulturforum Potsdamer Platz, bis 12. März, täglich 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr. Der Katalog ist kostenlos.

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