Resnais auf der Berlinale : Träume auf dem Boulevard

„Aimer, boire et chanter“ von Alain Resnais im Wettbewerb der 64. Berlinale.

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Alles Theater. Carolilne Silhol und Michel Vuillermoz.
Alles Theater. Carolilne Silhol und Michel Vuillermoz.Foto: Lennart Malmer

Der 92-jährige Alain Resnais genießt die fortgeschrittene Leichtigkeit des Seins. Ein halbes Dutzend französischer Filminstitutionen und Produzenten machte seinen neuen Film „Aimer, boire et chanter“ möglich, auch wenn seine Freiheit, dabei höchst elaborierten persönlichen Marotten zu folgen, mit einem offensiv ausgestellten Minimalismus erkauft ist.

Seine neue Komödie flirtet ungenierter denn je mit dem bittersüßen Klischee-Cocktail und der gut geölten Mechanik des star-gesättigten Pariser Boulevardtheaters. „Aimer, boire et chanter“ wie schon zwei frühere Resnais-Filme die Adaption eines Stücks des britischen Autors Alan Ayckbourn, führt sechs Herrschaften aus einem sehr fiktiven Yorkshire mit einem Anflug spätjugendlicher Raserei zusammen. Im Ambiente angedeuteter Kulissen agieren sie unter hellem Licht in einem Filmstudio wie fröhliche Rampensäue, die ein Casting gewinnen wollen und sich sicher sind, dass die nah heranrückende Filmkamera ihre schönsten Seiten hervorhebt.

Alles dreht sich um den krebskranken George. Die letzten Monate wollen seine Freunde ihm schön machen, doch letztlich geht es nur um sie selbst, ihre verlorene Jugend, ihre akute Einsicht in die eigenen verfahrenen Eheverhältnisse. George ist indes ein Phantom, das zwar den Durchlauferhitzer der Gefühle antreibt, jedoch nie leibhaftig auftritt.

Das Leben ein Amateurtheater: Sabine Azéma, Alain Resnais’ Gattin, spielt die Register sympathischer Boshaftigkeit durch, Michel Vuillermoz tremoliert lustvoll die Gemeinheiten des sich betrogen glaubenden Ehebrechers, Sandrine Kiberlain verzehrt sich virtuos in Schuldgefühlen, weil sie den Todgeweihten verlassen hat.

Alles geht seinen Gang in schönster Unordnung. Hektik wandelt sich in gelassene Taktschläge, wenn ein Rolls Royce in blühenden Landschaften die Szenenwechsel des Stücks markiert, gemalte Prospekte englisches Idyll vorgaukeln und unverschämte Illustrationsmusik Lacheffekte herauskitzelt. Vielleicht handelt es sich bei „Aimer, boire et chanter“ um durchtriebene Kritik mit Hilfe hemmungsloser Affirmation. Einmal schwingt sich André Dussollier, der Star vieler Renais- Filme, brummelnd zu dem Bonmot auf: „Das Kino ist mir lieber.“ Leider kommt diese Komödie zu gravitätisch gespreizt daher, um Platz für feine Ironie zu lassen.

11.2., 13 Uhr (Zoo-Palast 1) und 15.30 Uhr (Friedrichstadt-Palast), 12.2., 22 Uhr (HdBF)

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