Kultur : Rest vom Fest

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„Das Leben als Kunstwerk zu gestalten, scheint mir eine ganz nette Beschäftigung zu sein“, hat Daniel Spoerri einmal gesagt. In seiner Kunst ist das Leben das eigentliche Material. Er hat Freundschaften geschlossen, Kollegen angeregt, große Gesellschaften gegeben und daraus sein Werk geschaffen.

Sein Leben beginnt mit Überleben. 1930 im rumänischen Galati geboren, ist Spoerri elf Jahre alt, als sein Vater Isaac Feinstein bei einem Pogrom ermordet wird. Die Mutter flieht mit den Kindern in die Schweiz. „Nach dem vielen Nichts“ nimmt er Ballettunterricht, tritt als Solotänzer am Berner Theater auf. 1955 zeigt er seine erste eigene Choreografie, das Farbenballett. Zwar bricht das Dekor von Jean Tinguely bei der Premiere zusammen, aber seitdem verbindet die beiden Künstler eine enge Freundschaft.

Noch wichtiger ist die Begegnung mit Marcel Duchamp und dessen Erfindung des Readymade. Neben Spoerri gehören Tinguely, Niki de St.Phalle, Yves Klein und Arman zur Gruppe der Pariser nouveaux réalistes. Spoerris Alltag ist noch von Armut geprägt. Mit Gemüsewürfeln, Brot und Pfeffer beginnt er seine Karriere als Koch. In Amsterdam inszeniert er Riech- und Tasträume, in Paris verwandelt er eine Ausstellung in einen Speisesaal. Die Kunstkritiker dürfen kellnern, und die Gäste sollen das schmutzige Geschirr am Tisch festkleben, Zigarettenkippen und Knochen inklusive. Das Ergebnis: das erste von Spoerris Fallenbildern.

Spoerris Eat Art ist erst Segen, dann Fluch für sein Werk. Als er 1968 in Düsseldorf das Restaurant Spoerri eröffnet, erkennt die Konsumgesellschaft ihre dekadenten Schattenseiten: An der Wand hängen die Reste vom Feste. Mit der Eat Art Galerie und der Vervielfältigung durch das Multiple wird die Kunstwelt von Spoerris Werken übersättigt. Zur Erfolgsbilanz gesellt sich der Überdruss.

Provozierend ist Spoerri selten. Seine Idee des Musée sentimental, das er mit Marie Louise von Plessen 1981 in Berlin zur Geschichte Preußens einrichtet, basiert auf der leichten Verklärung der Dinge. Aus dem Konzept spricht die Sensibilität des ehemaligen Flüchtlings für gefühlsbeladene Objekte.

Ein Garten in der Toskana schien der vorerst letzte Traum des Tausendsasas zu sein. „Hic haeret terminus“ steht über dem Tor – hier klebt das Ende. Auf 16 Hektar zeigt er Skulpturen der Freunde und eigene Werke, in Bronze gegossen. Doch Daniel Spoerri, diesem Fallensteller und Menschensammler, reicht der Platz noch lange nicht. In Niederösterreich richtete er 2009 ein „Staulager“ ein, mit Restaurant und Galerie. Die aktuelle Ausstellung zeigt Werke von Eva Aeppli, Spoerris guter Freundin aus frühen Tagen. Freundschaft, Gesellschaft, Essen – der Stoff, aus dem das Leben ist, möge ihm auch zu seinem heutigen 80. Geburtstag reichlich beschert sein. Simone Reber

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