Kultur : Restaurants in Berlin-Mitte: Zu viel Daimler, zu wenig Maserati

Michael Zajonz

Auf alten Steinplatten ein Sammelsurium von Kneipentischen und Stühlen. Ihr speckiger Glanz verrät: Hier haben Generationen gesessen. Der hohe Raum besitzt eine Intimität, die selbst den eiligen Gast nicht unberührt lässt. Eine Oase inmitten Berlins. Nur - haben wir uns vielleicht im Jahrhundert geirrt? Der Blick in die offene Küche revidiert den Verdacht: Will Mc Bride, irisch-amerikanischer Schwiegersohn Wolfram Siebecks, bietet in der alten Remise der "Heckmann Höfe" (Oranienburger Straße 32) zeitgemäß bodenständige Küche mit regionalen Öko-Produkten, dazu gute offene Weine.

Verwöhnte Mägen sehen mit: Die Gestaltung anspruchsvoller, zumindest origineller Gasträume erlebt in Berlin eine Renaissance. Erlaubt ist, was gefallen könnte. Claus Labonté vom Geschäftsbereich Tourismus-Hotellerie-Gastronomie der Industrie und Handelskammer beobachtet trotz quantitativer Stabilität (seit Jahren 10 000 Betriebe) strukturelle Umschichtungen. Man holt nach, was Wanne-Eickel vor zwei Jahrzehnten durchlitt: den "Tod der Eckkneipe". Dies heißt nicht automatisch: größer, edler, teurer. Labonté räumt ein, dass ein junges Publikum in Prenzlauer Berg oder Friedrichshain den Begriff "Nachbarschaftsgastronomie" nur eben anders definiert - auch Studenten schätzen "ihren" Laden ums Eck.

Wohin dieses Beharrungsvermögen führen kann, zeigt das alte Westberliner Vergnügungsviertel am Savignyplatz. Mit "Zwiebelfisch" und "Ali Baba" haben sich zwei waschechte Soziotope aus Apo-Zeiten erhalten. Da fällt ein ambitioniertes Unternehmen wie das 1998 eröffnete Restaurant "Schlüter" (Schlüterstraße 52) sofort auf. Besitzer Bernd Paul ist Architekt. Der Boden aus seidenmattem Dolomit, Einbauten in honiggelbem Birken-Schichtholz und geometrisierend in die Decke gesetzte Glühbirnen markieren den Anspruch, Dekor aus den Ausdrucksmöglichkeiten des Materials zu entwickeln. Im Gebrauch erwiesen sich schnell die Grenzen des für Charlottenburg wohl zu puristischen Ambientes. Nun will Paul die dreizehn Meter lange Bank polstern: "Die Gäste hier mögen es halbwegs weich unterm Po."

Die lange Bank - seit Max Dudlers "Sale e Tabacchi" von 1995 (Kochstraße 18) immer wieder gern verwendet - gleicht auch in Mitte oft einem bombastisch in die Breite gezogenen Thron. Überhaupt scheint es einen genetischen Code zu geben: der lange Schlauch, die große Halle, der geschwungene Tresen. Warum mangelt es den Gastronomen an Experimentierfreude? Weil sie ihre Lokale meist unter Finanz- und Zeitdruck selbst gestalten? Oder fühlen sie sich dem Ideal des Wiener Architekten-Philosophen Hermann Czech verpflichtet, der Gasträume als formal unscheinbare, gleichwohl komplexe "Architektur des Hintergrunds" betrachtete - für jede Tageszeit?

Der englische Weinkritiker Stuart Pigott, seit acht Jahren Wahlberliner, vergleicht das Angebot in Mitte mit den Londoner Restaurants von Terence Conran: "Die Berliner Gastronomie macht einen genauso ratlos wie die Politik. Warum soll eine Frau ein Designerkleid für 3000 Mark kaufen, wenn sie keinen großen Auftritt haben kann?" Rund um den Gendarmenmarkt ist der noch am Ehesten zu haben. Ob "Vau", "Langhans" oder "Portalis": Man speist meist sehr gut; jedenfalls sehr teuer; die Interieurs sind traumhaft solide - vielleicht ein bisschen viel Daimler, zu wenig Maserati!

Ein weiteres Exemplar dieser High end- Gastronomie öffnete vor einem Jahr unweit des Brandenburger Tores. Das "Margaux" (Unter den Linden 78) residiert in Hans Kollhoffs Geschäftshaus. Doch nicht Kollhoff, sondern Johanne Nalbach übernahm im Auftrag der Grafen von Hardenberg den 1,4 Millionen Mark teuren Innenausbau. Damit war das Restaurant weniger kostspielig als seinerzeit das von Restaurant-Mogul Josef Viehauser betriebene "Vau". Was das Interieur betrifft, spielt man in der gleichen Liga: Hinterleuchtete Wand- und Pfeilerverkleidungen aus goldgelbem Onyx, der rostrote und senfgelbe Samt der Sitzpolster, geometrische Präzision bei matt polierten Einbaumöbeln aus Rosenahorn - Material, Farben und Formen signalisieren einen Luxus, der an Adolf Loos und den Art Déco-Designer Jacques-Emile Ruhlmann erinnert und einen Hauch Denver versprüht - très chic.

Luxus anderer Art bietet das "Adermann" in der Belle Etage eines klassizistischen Bürgerhauses (Oranienburger Straße 27). Sorgsam wurden furniertes Tafelparkett, Stuck und Schablonenmalerei restauriert. Den Boden der einstigen Bankierswohnung schützt eine gläserne Abdeckung, die schimmerndes Edelholz wie im Museum ausstellt. Architekt Bernward Grützner (Café "aedes") schwebten dafür Murano-Leuchter vor: "Aber der Betreiber holte sich aus Kostengründen einen Gaststätteneinrichter, der auf gängige Produkte zurückgriff."

Die meisten Restaurants entstehen mit begrenzten Mitteln. Da wird viel imitiert, wie Rainer Heublein weiß. Der Mitbegründer der Objektausstattungsfirma "Arte Interior", die auch das "Vau" realisierte, distanziert sich von derartigem "Kulissenbau". Doch für jüngere Kollegen bieten Läden und Restaurants oft erste eigene Aufträge. Was trotz kleiner Budgets möglich ist, zeigt das "Fournier" (Gipsstraße 3): Eine Summe im unteren sechsstelligen Bereich stand dem Architekten Stefan Gessler zur Verfügung, um das 64-Plätze-Restaurant in ein denkmalgeschütztes Haus der Spandauer Vorstadt einzupassen. Drei Räume sind über Öffnungen und Niveausprünge so verschränkt, dass ein durch Licht und Farbe moduliertes Ganzes entsteht. Materialien wie Sichtbeton, heller PVC-Belag versprühen originellen Low Budget-Charme.

Betont hip geben sich Restaurants und Bars diverser Retrostile. Mit der "808 / Chestnut Lounge" (Oranienburger/Ecke Auguststraße) haben Alexander Plajer und Werner Franz eine muntere Mixtur aus Sixties-Zitaten und aktueller Clubästhetik ermittelt. Das superlange Aquarium samt Lärchenholzverkleidung versetzt einen in den James Bond-Klassiker "Goldfinger" - befand jedenfalls das Stadtmagazin "Leonce". Formal weniger ausgefeilt präsentiert sich das "Café Schoenbrunn" (Volkspark Friedrichshain) in einem Pavillon von 1973.

Auch der gute alte Prenzlauer Berg hat an klassenkämpferischem Schwung eingebüßt. Das "drei" (Lychener Straße 30) will es mit amerikanischer Servicementalität allen recht machen: Als Restaurant (kalifornisch- panasiatisch!), Lounge und Bar firmiert das in hellen Unfarben gehaltene Etablissement. Wohlweislich sperrt man nur sonntags schon zum Brunch auf, denn die räumliche Dramaturgie steigert sich durch Licht und die richtige Musik ungemein. Erst die ufoartigen Lichtskulpturen nach Entwürfen Wolfgang Kruses ("Schwarzenraben") erzeugen diffuses Wohlbehagen. Für gute Laune sorgt dann jeder selbst.

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