Kultur : Restfläche Großstadt

Bernhard Schulz über die Crux mit neuen Straßennamen

Auf den Namen der Kölner Verlegerfamilie Neven DuMont ist in letzter Zeit reichlich Schatten gefallen. Der Vater-Sohn-Konflikt im Hause wird spät ausgetragen, Vater 83, Sohn 41, aber alle Lebensplanung für den präsumptiven Nachfolger hat nichts genützt, er hat seinen eigenen Kopf. Dabei ist in Köln bereits seit geraumer Zeit eine Straße nach der Familie benannt. Ahnungslose Gemüter mögen nun meinen, mit der Neven-DuMont-Straße in schönster Altstadtlage werde an den wort- und auch sonst mächtigen Patriarchen Alfred erinnert. Aber auch in Köln gebührt allein Verstorbenen diese Ehre. Zum 100-jährigen Erscheinen des Verlags-Flaggschiffs „Kölner Stadt- Anzeiger“ im Jahr 1976, wurde die seit dem 18. Jahrhundert in Köln ansässige Familie in toto geehrt.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt! Immerhin wurde zur Umbenennung die vormalige Langgasse geopfert, an der eine bedeutende Wallfahrtskirche liegt. Das Gotteshaus wiederum trägt den Namen einer verschwundenen Seitengasse, St. Maria in der Kupfergasse. Die nicht mehr existierende Langgasse ließ eine sich anschließende Neue Langgasse nun einsam zurück. Dem Rat der Stadt war’s gleichgültig, „der Neven“, wie der Patriarch in Kölle heißt, respektive sein Clan war ihm allemal wichtiger als die so gerne, aber folgenlos beschworene Stadtgeschichte.

Im Übrigen geht die Domstadt nicht sonderlich respektvoll mit ihren prominenten Toten um. Der bedeutende Kölner Fotohistoriker und -sammler L. Fritz Gruber, über Jahrzehnte der intellektuelle Mittelpunkt der weltgrößten Fotomesse „Photokina“, muss sich mit einem schäbigen Parkplatz begnügen. Und dem Bohemien und Fotografen Chargesheimer wurde nur ein Stückchen Bürgersteig vor dem „Alten Wartesaal“ im Hauptbahnhof zugewiesen, seit „Bio’s Bahnhof“ bundesweit bekannt und doch bloß eine elende Restfläche Großstadt neben der in Beton gegossenen Domplatte.

Zurück in Berlin, entdeckt man im unbebauten Vorfeld des Bahnhofs Südkreuz einen Hildegard-Knef-Platz. Ein Platz ist immer gut, dafür muss man in der Regel keine Immobilien grundbuchlich umwidmen. Man denke an den George-Grosz- Platz am Ku’damm, der auch nichts weiter ist als eine Restfläche mit Zeitungskiosk. Arme Hilde! Was soll sie auf dem zugigen Platz am Südkreuz? Rote Rosen wird’s da sicher niemals regnen, da hätte ihr die Ku’damm-Ecke besser gestanden und verdient hätte sie’s allemal (siehe auch S. 30). Und Grosz hätte an den Savignyplatz umziehen können, an dem er ja gewohnt hat und wo er gestorben ist. Irgendein unbenamster Vorgarten hätte sich gefunden. Und wer war eigentlich Savigny?

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