Kultur : Restposten Wirklichkeit

Routine oder Risiko: das Dokumentarfilmfestival „Visions du réel“ im schweizerischen Nyon

Veronika Rall

Der Begriff Dokumentarfilmfestival reicht in Nyon schon lange nicht mehr: „Visions du réel“, Ansichten des Wirklichen, heißt das kleine, feine Festival an der Sonnenküste des Genfer Sees seit zehn Jahren. Ein „qualitatives Gipfeltreffen“ möchte man sein, eine „offene Werkstatt“, in der sich die „Intelligenz verbindet“ und „Vorurteile entschlingen“. Was auf Deutsch eher holprig klingt, ist in den französischen Worten des strukturalistisch geschulten Festivaldirektors Jean Perret ein elegantes Sprachspiel, das auf die Kernproblematik der Festivalfilme verweist: auf die Kunst, für die Annäherung an die Wirklichkeit eine jeweils angemessene Form und Ästhetik zu finden.

Die hochauflösenden Digitalkameras und die relativ simple Postproduktion am elektronischen Schneidetisch haben die Herstellung der Filme radikal vereinfacht. Sie hinterlassen aber auch eine immense Ratlosigkeit. Wie erzählen? Wie die Kamera einsetzen? Wie Musik einspielen? Mehr als je zuvor haben Filmemacher die Wahl. Aber statt nun munter zu experimentieren, verlassen sich viele auf einfache, traditionelle Lösungen.

Beispiel Fernsehdokumentation. „Frozen Angels“ handelt von künstlicher Befruchtung, Samen- und Eizellenbanken sowie Genmanipulation. Eric Blacks und Frauke Sandigs mit dem Publikumspreis ausgezeichneter Film strotzt mit seinen pompösen Nachtaufnahmen aus Los Angeles, der Hauptstadt der künstlichen Befruchtung, nur so vor production values. Hinzu kommen ein Ehepaar, eine Leihmutter, eine blonde, blauäugige Eizellenspenderin und ein Moderator, der keinen Interessenskonflikt darin sieht, dass er in seiner Radiosendung die Vorzüge einer Schwangerschaftsvermittlung anpreist, in deren Vorstand er sitzt. Wo passende Bilder fehlen, greift man zu Windstromgeneratoren im Sonnenuntergang, wo die Worte fehlen, zu dröhnender Musik über Vierkanalton. Gleichwohl liefert der Film lohnende Informationen: Während in Europa künstliche Befruchtung eher als High-TechWissenschaft gilt, ist es in den USA offenbar einfacher, eine Samenbank zu betreiben als eine Pizzeria. Gene können ohne weiteres patentiert werden, und das Risiko einer neuen Eugenik – „Hitler hat doch schon damals seine Ideen aus den USA geholt“ – ist unabschätzbar.

Beispiel Tourismusfilm: Über so manche Länder und Landstriche auf dieser Welt weiß man herzlich wenig, es sei denn, sie geraten in die Schlagzeilen. Wie soll man etwa von Kuba und seiner Geschichte erzählen? Die Grundidee, die der finnische Regisseur Arto Halonen und seine Schweizer Produzenten verfolgen, scheint erstmal nicht schlecht: Sie konzentrieren sich auf die dicken, alten, bunten Amischlitten, die unter dem Batista-Regime zuhauf importiert wurden und während der Dauerherrschaft des Comandante dank des sanften Klimas immer noch fahrtüchtig sind. Schnell aber weiß „Conquistadors of Cuba“ nicht mehr, ob er anhand der Autos Sozialgeschichte erzählen will oder ob er sich lieber an seine Protagonisten (hauptsächlich einen schwer kranken Automechaniker) halten soll.

Beispiel Musikfilm: Nichts geht im Dokumentarkino derzeit so gut wie Musikdokus. Seit Wim Wenders’ „Buena Vista Social Club“ steht insbesondere Lateinamerika ganz hoch im Kurs. Warum also kein Porträt der Ikone der brasilianischen Musik, der „begnadeten Künstlerin“ Maria Bethânia? Schnell sind Interviews mit ihr und ihren musikalischen Begleitern gemacht („Musik ist wie Parfum, direkt und sinnlich“), schnell ein paar Studioaufnahmen im Kasten, der Soundtrack ergibt sich von selbst, und beim Verlassen des Kinos will man unbedingt eine CD kaufen . Aufgelockert wird „Maria Bethânia — música é perfume“ durch Hochglanzaufnahmen von Rio de Janeiro, Sambaschulen und auch die Slums dürfen nicht fehlen. Man spürt das schlichte Rezept und ist verstimmt.

Nicht dass es keine wunderbaren Filme in Nyon zu sehen gegeben hätte: Eine Retrospektive, die dem thailändischen Filmemacher Apichatpong Weerasethakul gewidmet war, zeigte eindrücklich neue ästhetische Strategien. Weerasethakul, der mit „Tropical Malady“ 2004 in Cannes für Aufsehen sorgte, dreht Filme, die zwischen dem Dokumentarischen und dem Fiktiven changieren. Das Sehen und Hören selbst werden wieder zum Subjekt des Kinos.

Von den Wettbewerbsfilmen bleiben dagegen nur Fragmente, einprägsame Einzelbilder und Sätze. Das Gesicht einer Leihmutter nach der Geburt. Die verlegene Gestik eines europäischen Managers, der die sklavenhalterischen Zustände seiner Firma in China offen legen muss. Die kaum noch vorhandene Stimme eines alten japanischen Psychoanalytikers, der auf der Basis asiatischer Mythen einen Gegenentwurf zu Sigmund Freuds Ödipuskomplex formuliert. Vor der Folie der Rezeptfilme wirken die Bruchstücke wie Reste eines Traums von der Wirklichkeit, den man im idyllischen Nyon nur zu gerne geträumt hätte.

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