Kultur : Restwut in der Fischbüchse

SUSANNE MESSMER

Als die Manic Street Preachers die Bühne betreten, funktioniert in der vollgequetschten Arena das Tanzen nur noch senkrecht.So kompakt der Inhalt dieser Fischbüchse, so dicht gedrängt ist auch der Sound der Manic Street Preachers.Alles sitzt am rechten Fleck, jeder Akkord, jeder Refrain, der immer genau einsetzt, wenn man ihn eine Sekunde lange vorausgeahnt hat.Trotzdem ist da irgendwie ein Loch in der Band.Als Anfang 1995 ihr Gitarrist und Texter, Richey James Edwards, spurlos verschwand, schien es, als hätten sich die Manics erledigt.Mit ihm, ihrem Paradiesvogel, dem depressiven Selbstverstümmeler, verloren sie ihre Identifikationsfigur.Doch dann kam 1996 ihr Erfolgs-Album "Everything Must Go".Vielleicht ist das der Grund, warum man sich zwanghaft immer wieder vorstellen muß, wie Edwards mit Falco unter einer Palme auf den Bahamas einen Cocktail schlürft: Er ist durch seine Abwesenheit präsenter denn je.Der kleine, ausstrahlungsarme Sänger James Dean Bradfield erinnert mit seiner oft ins Pathetisch kippenden Stimme manchmal sehr an den Gesang der Scorpions.

Erst jetzt, auf ihrem aktuellen Album "This Is My Truth Tell Me Yours", haben sich die Übriggebliebenen nicht mehr aus dem Nachlaß ihres verschwundenen Songschreibers bedient."Er wollte aus seinem Leben verschwinden.Daher kommen wir seinem Wunsch nach", sagte neulich Bassist und Nachfolgetexter Nicky Wire.Seine Texte unterscheiden sich kaum von denen seines Vorgängers.Am peinlichsten sind sie, wenn sie mit Restwut die beklagenswerten Zustände dieser Welt anprangern.Ohne das verschwundene Enfant Terrible würde wohl kaum einer dieser sehr netten, inzwischen ganz und gar melodiefreundlichen Band so viel abgewinnen.So bildet man sich auch an diesem Abend wieder ein, daß alle gespannt auf die Bühne starren, um zu suchen, was nicht ist.Schließlich könnte er jederzeit wieder auftauchen.

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