Retropop : Smoking mit Häkelblume

Der Lebenszeitveredler: Freddy Fischer und die Cosmic Rocktime Band verbinden Discosounds mit Schlagertexten. Eine stilvolle Begegnung in einem Klamottenladen in der Schlüterstraße.

von
Analog ist besser. Pianist und Sänger Freddy Fischer orientiert sich musikalisch und optisch an den Siebzigern. Foto: Thilo Rückeis
Analog ist besser. Pianist und Sänger Freddy Fischer orientiert sich musikalisch und optisch an den Siebzigern. Foto: Thilo...

Erst will er sich im Park am Rüdesheimer Platz treffen. Sehr schön, nachts ein hingebungsvolles Bühnentier, tagsüber ein sensibler Naturfreund. Dann aber schlägt er einen Klamottenladen in der Schlüterstraße vor. Hilfe, das machen Indiemusiker sonst aber nicht. Ist der geschätzte Künstler Freddy Fischer etwa ein fashion victim, ein Dandy, ein Snob? Auf den ersten Blick ist das schwer zu sagen. Jedenfalls ist er ein Mann, der halb angezogen und nach Aftershave duftend in einer Umkleidekabine steht. Und einer, der begriffen hat, dass ein Leben ohne Discokugel möglich, aber sinnlos ist.

Genau das ist letztlich auch der Grund dafür, warum sich der höfliche Typ mit der Siebzigerbrille und den Siebzigerkoteletten jetzt beim Herrenausstatter seines Vertrauens für diese kleine Plauderei genauso in Schale wirft wie für jedes seiner Konzerte. „Wir sind die Leute, die sich Smokings anziehen, um in Kellerlöchern zu spielen“, fasst Freddy Fischer die Arbeitshaltung seiner Cosmic Rocktime Band zusammen. Da gehört schicke Bühnengarderobe selbst in rustikalen Beatschuppen wie dem Nörgelbuff in Göttingen, der Destille in Nordhausen oder im Berliner Monarch am Kotti zwingend zum Abgrenzungsritual gegen den schnöden Alltag dazu. „Ich schenke den Menschen was, was einen Wert hat. Wir veredeln Lebenszeit“, ist Freddy Fischer überzeugt.

Und wie macht er das? Mit Disco- und Soulmusik, wie er und seine Cosmic Rocktime Band sie verstehen. Nicht als stumpfes Siebzigerimitat, sondern als hinreißend handgemachte Tanzmusik mit furchtlos schlageresken Texten auf Deutsch. Mit „Dreimal um die Sonne“ kommt jetzt sein drittes Album heraus. Bei Sounds of Subterrania, einem Hamburger Punklabel. Das passt zu melodiöser Unterhaltungsmusik mit Glücklichmachappeal ja eigentlich nicht so ganz. Findet Freddy Fischer, der in seinem schmalen Smoking mit dem roten Häkelblümchen im Knopfloch vor sich hinposiert, aber schon. Discomusik sei halt eine weiche, nicht so wütende Form von Auflehnung. Außerdem: „Die sagen immer, wir seien punkiger als manche Punkband!“ Das will was heißen bei Titeln wie „Wohin kannst du gehen mit deiner Sehnsucht in der Hand“, „Durch die Tränen in das Glück“ oder „Schalala“.

„Ich riskiere damit schon viel“, findet Fischer. Mit so einer bestimmten Naivität über die großen Themen Liebe, Schmerz und Angst zu sprechen, sei im Indiebereich nicht üblich. Doch die Balance gelingt ihm von Album zu Album besser. „Dreimal um die Sonne“ hat ein breiteres Gefühlsspektrum zu bieten als etwa „Superdisco Nr. 1“ von 2009 mit seinen Feelgoodnummern oder ironischen Liedern wie dem nur mit dem Wort Superdisco betexteten Titelsong. Was jetzt noch fehlt, ist mehr Mut zur Ballade. Die ewigen Up-Tempo-Nummern nötigen den Sänger, viel zu hastig über manche hübsche Zeile zu gehen. „Nächstes Mal“, nickt Fischer und sagt fast entschuldigend: „Wir sind nun mal eine Tanzband.“ Immerhin ist „Schalala“ ein langsames Lied und zwar das mit dem schönsten warmen Wabersound der ganzen Platte. Den fabriziert der Chef auf dem Fender-Rhodes-Piano mittels verfremdender Phaser-Effekte. „Ich bin verknallt in diesen Klang“, sagt Fischer, der ebenso ein Fan von treibenden Grooves auf der Hammondorgel ist. „Weil sie schreit und Energie erzeugt.“

Nicht schwer zu ahnen, er ist der analoge Typ. Neben den erwähnten elektromechanischen Tasteninstrumenten kommen ihm nur frühe Synthesizermodelle ins Haus. Die mit dem analogen Pulsieren, Pluckern und Pumpen. „Digital kann jeder einen wahnsinnsfetten Sound machen, das interessiert mich nicht.“ Am liebsten spielt er live. Alle seine Platten erscheinen auch auf Vinyl, die neue erstmals zeitgleich als CD und LP. Warum? Er lacht. „Das ist ein tolles Ego-Ding!“ Und außerdem habe es eine ganz eigene Qualität, eine LP aufzulegen und abzuspielen. „Da steht die Musik ganz anders im Raum.“

Rund zehn Jahre hängt Fischer, der 1968 nach seiner Geburt in Tempelhof einen anderen Vornamen bekam, jetzt schon mit seiner Cosmic Rocktime Band in kleinen Clubs seine musikalische Discokugel auf. Natürlich hat er selbst auch eine in seinem Arbeitszimmer in Wilmersdorf hängen. 50 Zentimeter Durchmesser, mit Motor und Punktstrahler. „Ganz wichtig“, sagt er, „sonst funkelt sie nicht.“

Disco, Funk, Soul und Rap war der Sound seiner Pubertät. Er hörte S.O.S Band, GAP Band, James Brown, Kurtis Blow gehört, und irgendwann tanzte er dazu auch im „Big Eden“ und im „Far Out“. Chic, die Bandgründung des heutigen Superproduzenten Nile Rodgers, ist sein wichtigster Einfluss aus der Zeit. „Rodgers war ein Undergroundkünstler, der Tanzmusik machen wollte.“ Und so, wie Freddy Fischer das sagt, ist Tanzmusik kein Synonym für seichte Unterhaltungsware oder tumbes Partygedudel, sondern für die Freiheit, das Leben im eigenen Rhythmus und im eigenen Look zu zelebrieren. Bisschen Hedonismus, bisschen Nonkonformismus, viel Spaß.

Ihm und der Band sei Tanzen wirklich wichtig. „Es hilft über die Punkte im Leben hinweg, wo etwas erstarrt oder etwas zerbricht.“ Huch, was ist das jetzt – Doktor Discos Tanztherapie? Freddy Fischer schüttelt sich. „Nee, wir laden nicht zur psychischen Selbstbefreiung ein, wir sind doch nur eine Discoband.“ Allerdings eine mit Aura. Außer dem Sänger und Organisten gehören seine Kumpels Ron und Rex Rocktime am Bass und der Gitarre fest dazu. Mehr über deren Vita erzählt er nicht. Und von sich nur, dass er früher lange mit einer Band als Mietmusiker bei Hochzeiten und Vereinsfesten aufgespielt hat. Das Ende der Durchsage ist der Anfang des Spiels. Ron und Rex seien Kunstfiguren, die mit der Realität verschmelzen, sagt Freddy Fischer. Genau wie er. „Für unsere Idee, für das, was wir machen, ist es egal, wie ich aufgewachsen bin, was die anderen sonst machen oder ob ich mit der Musik genug Geld verdiene. So eine Denke ist nicht mehr zeitgemäß. Wichtiger ist, wie viel Herz und Mut man hat.“ Sein Ding zu machen, von Liebe zu singen, Angst zu zertanzen, auf Moden zu pfeifen und trotzdem einen Smoking anzuziehen.

Record-Release-Konzert, Do 17.5., 21 Uhr, Monarch, Skalitzerstr. 134

2 Kommentare

Neuester Kommentar