Retroselige Rockmusik : Das neue Album von TV On The Radio

Der Ausweg aus der Sackgasse? Fünf coole Checkertypen aus dem Hipster-Epizentrum Brooklyn, vernetzt mit wichtigen Leuten aus Szene und Business, übersprudelnd vor Ideen und Visionen.

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Zitierlust. TV On the Radio. Foto: M. Lavine
Zitierlust. TV On the Radio.Foto: M. Lavine

Ist die Zukunft des Pop schon wieder vorbei? Jahrelang galten TV On The Radio als die Band, die einen Ausweg aus der Sackgasse finden könnte, in der sich die retroselige Rockmusik des frühen 21. Jahrhunderts festgefahren hatte. Fünf coole Checkertypen aus dem Hipster-Epizentrum Brooklyn, vernetzt mit wichtigen Leuten aus Szene und Business, übersprudelnd vor Ideen und Visionen.

Und dann bringen sie nach knapp drei Jahren Funkstille ein neues Album raus, und es passiert – na ja, nicht nichts, aber die Reaktionen auf „Nine Types of Light“ sind eher verhalten. Was verständlich ist, denn nach Aufbruch in die Zukunft klingen die zehn neuen Songs erstmal nicht. Hat sich bei den Diskursrockern ein Rückzug ins Private vollzogen, den man aus den eher um konventionelle Themen – Liebe, Beziehungsprobleme, Alltag – kreisenden Songtexten herauslesen könnte? Sind die allesamt im vierten Lebensjahrzehnt angekommenen Helden des Kämpfens müde? Haben sie sich an der Opposition zur zweiten Amtsperiode von George W. Bush so abgearbeitet, dass sich Resignation über das Kollektiv gelegt hat? Vielleicht ist alles viel einfacher.

Menschen verändern sich, und ganz sicher haben sich die Gewohnheiten der Mitglieder von TV On The Radio seit dem 2008 erschienenen Meisterwerk „Dear Science“ verändert. Die ohnehin offene Bandkonstellation wurde noch weiter gelockert hin zu einer nur sporadisch zusammenfindenden Versuchsanordnung – ein Phänomen, das man bei vielen erfolgreichen Bands findet, die es nicht nötig haben, sich im Album-Tournee-Studio-Rattenrennen aufzureiben.

TV On The Radio waren eigentlich nicht so erfolgreich, um auf die Marktmechanismen zu pfeifen. Wenn sie es trotzdem tun und sich, vor allem in Gestalt der drei Kreativköpfe, Sänger Tunde Adebimpe, Gitarrist Kyp Malone und Multiinstrumentalist Dave Sitek, zahlreichen Neben- und Soloprojekten widmen, leidet darunter natürlich die Fokussierung auf die Hauptband.

Das muss kein Nachteil sein. Denn „Nine Types of Light“, aufgenommen in Siteks neuem Studio in Los Angeles, mag nicht die Dringlichkeit der Vorgänger haben. Dafür besitzt die Platte andere Qualitäten: Sie ist das zugänglichste Werk einer Band, die bislang mit Attributen wie „schroff“ oder „sperrig“ umschrieben wurde. Anflüge davon gibt es immer noch, etwa wenn sich in „No Future Shock“ Blechbläser, Gitarrenspuren und mächtiges Getrommel zur grobschlächtigen Klangwalze verdichten. Doch diese Momente bleiben die Ausnahme, wie auch der Ausflug in den Powerchord-Garagenrock der White Stripes am Ende: „Caffeinated Consciousness“ wirkt wie der nie eingeforderte Beweis, dass sie auch ganz anders könnten.

Der Schwerpunkt liegt auf Stücken wie „Second Song“, „You“ oder dem suggestiven „Killer Crane“, in denen ein warmer, organischer, überraschend melodischer Soul-Rock zelebriert wird. Nicht nur weil Tunde Adebimpes Stimme einen ähnlichen Paranoia-Unterton hat, muss man an frühe Solowerke von Peter Gabriel oder Robert Wyatt denken. Dieser im Progressive Rock und Folk verankerten Songarchitektur fügen TV On The Radio noch Jazz- und Soul-Elemente und clevere Zitate hinzu: Wie etwa durch „Forgotten“ versteckt das Bassmotiv aus James Browns Klassiker „It’s A Man’s Man’s Man’s World“ wandert, zeugt von enormer Kennerschaft. Man muss aber kein Hauptseminar zum Thema Pop besucht haben, um an dieser Platte Freude zu haben. Adebimpe und Malone sind, gerade im Zusammenspiel von Falsett und Bariton, großartige Sänger, die Instrumentierungen originell, die Songs haben Substanz. Und mit „Repetition“ ist ein famos groovender Hit dabei, der nahtlos an das glänzende „Dancing Choose“ des Vorgängers anknüpft.

Die Revolution ist erstmal verschoben. Kommen kann sie immer noch: Dieser Band ist alles zuzutrauen.

„Nine Types of Light“ ist bei Universal erschienen. TV On The Radio spielen am 24.6. im Astra Kulturhaus.

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