Retrospektive : Alles so schön breit hier

Kino zum Staunen: Mit 21 Filmen huldigt die Berlinale einem lange vergessenen Format - dem 70-mm-Film. Mit den großformatigen Filmen versuchten sich Kinos in den fünfziger und sechziger Jahren gegen die aufkommende Konkurrenz durch Fernseher zu behaupten.

Christian Schröder
Retro
Heldenhaft. Für die Verfilmung von Tolstois "Krieg und Frieden" bot Regisseur Sergej Bondartschuk 1968 insgesamt 6000 Soldaten der...Foto: Berlinale

Schlachten sind Kunstwerke der Simultanität: Überall passiert gleichzeitig etwas. Zu den beeindruckensten Sequenzen von „Lord Jim“, Richard Brooks’ Verfilmung von Joseph Conrads Meistererzählung aus dem Jahr 1965, gehört der nächtliche Angriff auf eine Festung irgendwo im südostasiatischen Regenwald. Peter O’Toole führt als Lord Jim die Eingeborenen in den Kampf gegen den „General“, ihren Unterdrücker. Mit Fackeln rücken sie im Dschungel vor, Kanonen werden in Stellung gebracht. Die Schlacht beginnt, als sie die Festungswälle erreichen.

Schüsse fallen, mühsam werden die Palisaden erstürmt, getroffene Aufständische sacken zu Boden, Granaten explodieren, ein Tohuwabohu aus Todessalven und Pulverdampf. Und während Eingeborene und Soldaten im Vordergrund heftig miteinander kämpfen, stiehlt sich Curd Jürgens im Hintergrund klammheimlich davon. Er spielt einen mit dem General befreundeten Kaufmann, dessen Zwielichtigkeit bereits der äußeren Erscheinung zu entnehmen ist. Seine Wangen sind unrasiert, der weiße Anzug zerschlissen.

Man kann sich kaum sattsehen an diesen Bildern, die die Leinwand in ihrer ganzen Breite ausfüllen. „Lord Jim“, ein in seiner Naivität geradezu anrührender Abenteuerfilm, ist einer von 21 Filmen, mit denen die Retrospektive der Berlinale einem lange vergessenen und inzwischen wieder entdeckten Format huldigt: dem 70-mm-Film. Im Vergleich zum üblichen 35-mm-Format bietet das 70-mm-Bild mehr Spielraum für Vergrößerungen, es schwelgt – „Bigger than Life“ – in Details und Farben. „Große Leinwände, große Säle, große Filme – das war ein Modell, das für eine ziemlich exakt in ihren Grenzen bestimmbare Periode der Filmgeschichte den Maßstab setzte“, schreibt Rainer Rother, der Leiter des Berliner Film- und Fernsehmuseums, im Begleitbuch zur Retro. „In Bild- und Tonqualität ist dieser Maßstab bis heute im herkömmlichen Kino nicht übertroffen.“

Dabei ist der 70-mm-Film ein Produkt der Angst: der Angst des Kinos vor dem Fernsehen, das ihm in den fünfziger und sechziger Jahren im dramatischen Umfang die Zuschauer wegnahm. Die 70-mm-Technik schuf, ähnlich wie das etwas ältere, noch breitere, aber weniger brillante Cinemascope, Bilder, die in keinen Fernsehkasten mehr hineinpassten. Das Fernsehen holte bald wieder auf, und ironischerweise ist es ihm nun sogar zu verdanken, dass die Berlinale-Retrospektive überhaupt stattfinden kann. Weil viele Hollywood-Studios ihre Breitbild-Klassiker für eine Neuauswertung auf DVD und Blue Ray Disc restaurierten, stehen nun auch bestmögliche neue Kinokopien von „Lord Jim“, „Patton“ oder der „West Side Story“ zur Verfügung.

Filmgeschichte ist Technikgeschichte. Das 70-mm-Format entstammt einer Ära, in der enthusiastische Tüftler die ästhetische Entwicklung des Mediums Film mit ihren Erfindungen vorantrieben. Ihre Schöpfungen bekamen klangvolle Namen wie „Cinemiracle“, „Cinerama“, „Cine stage“, „Defa 70“, „Fearless Super-Film Camera“, „Grandeur 70“, „Magnafilm“, „Sovscope 70“, „Super 70 Technirama“, oder „Wonderama ARC-120“. Das Begleitbuch listet in einem Glossar rund hundert solcher vor Superlativen nur so strotzender Begriffe auf, die sofort Vorstellungen von einer Zeit aufsteigen lassen, in der über Filme noch heftiger als heute gestaunt werden konnte und Kinos Paläste sein wollten.

Mit Breitfilmen hat das Kino seit den Anfängen experimentiert. Schon Louis Lumière, der als Erfinder des Kinos gilt, führte auf der Pariser Weltausstellung des Jahres 1900 einen 75-mm-Film vor. Amerikanische Studios brachten in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren einige Breitfilme auf die Leinwand, setzten aus Kostengründen dann aber auf die Entwicklung des Tonfilms. Bahnbrechend wurde das „Todd-AO“-Verfahren, benannt nach dem Nachtclubbesitzer und Filmproduzenten Michael Todd und den Anfangsbuchstaben der New Yorker Firma American Optical.

Todd, der von 1957 bis zu seinem tödlichen Flugzeugabsturz 1958 mit Liz Taylor verheiratet war, hatte sich ursprünglich für die Cinerama-Technik begeistert. Dabei wurden Filmszenen gleichzeitig mit drei Kameras aufgenommen und später mit drei Projektoren nebeneinander als Panorama vorgeführt. Bei ihrer Einführung 1952 galt die Technik als Sensation, aber ihre Mängel wie seitliche Verzerrungen, Nahtstellen und Farbunterschiede zwischen den drei Filmen waren offensichtlich. Also beauftragte Todd den Konstrukteur Brian O’Brien, ein Verfahren zu entwickeln, „wo alles aus einem Loch kommt“. O’Brien schuf das Superweitwinkelobjektiv „Bug-Eye“, Insekten-Auge.

Der erste in Todd-AO-Technik aufgenommene Film war 1954 „Oklahoma!“, Fred Zinnemanns Adaption des Rodgers-Hammerstein-Musicals. „Der Zuschauer fühlt sich völlig als Mitwirkender. Das ist so verblüffend, dass manche bei einigen Szenen ein komisches Gefühl im Magen hatten“, schrieb ein deutscher Kritiker. Gefilmt wurde im 70-mm-Format nun alles, was spektakulär aussehen sollte: Abenteuer („Die Meuterei auf der Bounty“), Kostümschinken ( „Cleopatra“, „Lawrence von Arabien“) und Musicals („The Sound of Music“, „Star!“), aber auch der grotesk-verquere Modernismus von Jacques Tatis „Playtime“. Auch der Osten zog nach, entwickelte eigene Techniken und stellte seine Helden ins Breitwand-Panorama, in der Tolstoi-Verfilmung „Krieg und Frieden“, dem Zweiter-Weltkriegs-Melodram „Flammende Jahre“ oder Konrad Wolfs „Goya“-Biopic.

Die große Zeit des 70-mm-Films endete in den siebziger Jahren, aber seit einiger Zeit ist das Interesse an der Technik, die schon als ausgestorben galt, wieder erwacht. Tom Tykwer hat für seinen Berlinale-Eröffnungsfilm „The International“ einige Szenen, der Opulenz der Bilder wegen, in 70 Millimeter gedreht. Sie wurden anschließend auf 35 Millimeter umkopiert, eine teure Sache. „Ich musste um jede Einstellung kämpfen“, erzählte er in einem Interview. Vielleicht liegt die Zukunft des Kinos in seiner Vergangenheit, denn es ist nicht wenig, was der 70-mm-Film verheißt: Überwältigung.

Im Bertz + Fischer Verlag ist das von der Deutschen Kinemathek herausgegebene Buch zur Retrospektive erschienen: „70 mm – Bigger than Life“, 168. S., 22,90 €.

Die Technik kehrt zurück:

Tom Tykwer drehte für

„The International“ in 70-mm

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