Retrospektive : Die populärsten Klassiker des Festivals

38 Filme können nicht 60 Jahre Filmgeschichte repräsentieren. Sie können bestenfalls anregende, aufregende Einblicke vermitteln. Der englische Filmhistoriker David Thomson hat die Titel ausgewählt.

Helmut Merker
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Zeitlos schön: Hanna Schygulla in "Die Ehe der Maria Braun". -Foto: Rainer Werner Fassbinder

Sagen wir: fünfzehntausend. 15 000 Berlinale-Filmtitel, alle Filme aller 59 bisherigen Berliner Filmfestspiele auf einem Poster. Das klingt nach Vollständigkeit und Genauigkeit. Wenn daraus jetzt 38 Filme (plus zwei Kurzfilmprogramme) gezeigt werden, also etwa 0,025 Prozent, wirkt das subjektiv und willkürlich. Planung und Zufall also, Erinnern und Vergessen, das evoziert direkt ein Bild vom richtigen Leben. Aber es ist: Retrospektive.

Die Auswahl besorgte David Thomson, englischer Filmhistoriker, Autor, Sportfan, zehn Jahre älter als die Berlinale. Er schrieb Romane, Biographien von Laurence Sterne, Orson Welles und Warren Beatty, schuf mit „Suspects“ und „Silver Light“ ein eigenes Genre, in dem er Kinobiografien mit einer fiktiven Handlung weitererzählt. Sein bekanntestes Werk ist ein „Biographical Dictionary of Film“ (1975–2004) über Regisseure und Schauspieler, Kinomythen und Zeitmoden, alles andere als ein sachlich neutrales Lexikon, vielmehr eine radikal persönliche Beschreibung. Eine deutsche Übersetzung davon gibt es nicht. Da erwartet man umso gespannter Thomsons Texte zu den Filmen der Retrospektive – und stellt umso überraschter fest, dass es keine gibt. Lediglich die freundliche Einführung „A Tribute to Berlin“ im Katalogheft. Immerhin ist sein Besuch bei der Berlinale angekündigt, es wäre sein erster; und das schmückt ja auch ganz ungemein.

Berlinale - Szenen aus sechs Jahrzehnten
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1 von 30Foto: Internationale Filmfestspiele Berlin
07.02.2010 19:51Premiere. Das erste Berlinale-Plakat. Anfangs gab es Bedenken, ob der Name "Berlinale" nicht zu leicht mit "Biennale" verwechselt...


38 Filme können nicht 60 Jahre Filmgeschichte repräsentieren, sie können bestenfalls anregende, aufregende Einblicke vermitteln. Die Auswahl des „renommierten“ Filmkritikers, wie es in solche Fällen immer heißt, richtet sich offensichtlich mehr auf das Renommee der Filme als auf ihren Überraschungseffekt. So sind elf Gewinner des Goldenen Bären dabei – vom französischen Actionfilm aus dem Geist des Existenzialismus „Lohn der Angst“ (1953) bis „Magnolia“ (2000), dem kalifornischen Reigen einsamer Seelen, deren Existenzen der Titelsong „One is the loneliest number“ zelebriert. Neun Filme haben einen Silbernen Bären bekommen, einen Gläsernen Bären erhielt der einzige Kinderfilm, „Der Traum“ (2006) aus Dänemark, ein Film über den Kampf der Generation „14 plus“ gegen tyrannische Autoritäten.

Die einzelnen Jahrzehnte sind ausgewogen vertreten, da hätte man sich schon für die 50er (sieben Filme) und 60er Jahre (neun) ein stärkeres Übergewicht gewünscht. Immerhin ist das Gründungsjahr 1951 mit drei Filmen vertreten; nicht mit dem absoluten Eröffnungsfilm, Hitchcocks „Rebecca“, oder einem Gewinner des Goldenen Bären, der gleich viermal vergeben wurde, sondern mit dem italienischen Kriegsheimkehrer- und Sühnedrama „Der verbotene Christus“, der schwedischen Strindberg-Verfilmung des Herrin-und-Knecht-Stückes „Fräulein Julie“ und dem virtuosen Technicolor-Meisterwerk „Hoffmanns Erzählungen“, einem phantasmagorischen Farb-, Kostüm- und Musikrausch aus dem Geist der deutschen Romantik.

Marksteine der Filmgeschichte sind drei Debütfilme, allen voran Godards „Außer Atem“ (1960), der für den Beginn der Nouvelle Vague steht: eine einfache Geschichte, bei der man zusehen kann, wie das Kino zum zweiten Mal erfunden wird, wie seine Mittel nicht nur zur Herstellung von Illusion, sondern zugleich zu ihrer eigenen Reflexion benutzt werden.

Werner Herzogs „Lebenszeichen“ (1968) gehört zu den ersten Filmen des jungen deutschen Kinos und ist auch da schon ein Außenseiterwerk über die Außenseitergesellschaft deutscher Landser, die auf einer griechischen Insel ein Zeichen setzen wollen. „Das rote Kornfeld“ (1988) schließlich ist der erste Film aus China, der auf einem internationalen Festival preisgekrönt wurde: eine Anklage gegen die Verletzung der Menschenrechte, verbunden mit einer abenteuerlichen Emanzipationsgeschichte, beseelt vom Geist des Aufbruchs, der im Jahr danach auf dem Platz des Himmlischen Friedens blutig niedergeschlagen wurde.

Klassische Werke aus Europa und den USA wie Renoirs „The River“ (1952), Antonionis „Die Nacht“ (1961), Rosis „Wer erschoss Salvatore G.?“ (1962), Polanskis „Ekel“ (1965) oder Frears’ „Mary Reilly“ (1996), Malicks „The Thin Red Line“ (1999) und Scorseses „Gangs of New York“ (2003): schöne Filme, große Namen, bekannte Titel, die zeigen, dass es der diesjährigen Retrospektive mehr darum geht, publikumswirksam als originell zu sein. Ein paar mehr wirkliche Wiederentdeckungen hätten schon dabei sein können, wie es die frühen Filme der beiden Altmeister aus Asien, Akira Kurosawa und Satyajit Ray, sind. Zwei Filme über die tiefe Einsamkeit des Lebens, einmal in Tokyo, mit „Ikiru“ („Einmal wirklich leben“, 1954), einmal in Kalkutta, mit „Charulata“ („Die einsame Frau“, 1965). Ein Mann rafft sich im Angesicht des Todes gegen die Zwänge der japanischen Bürokratie zu einer befreienden Tat auf; eine Frau sucht in der indischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts ihren Platz zwischen Politik und Poesie.

Außer dem Kinderfilm waren nur noch fünf weitere Filme nicht im Wettbewerb, sondern in Forum oder Panorama. Darunter drastisch, schrill und ordinär „Das Gesetz der Begierde“ (1987) aus Pedro Almodóvars früher Phase, als die Kritik noch verständnislos reagierte: „Alles ist ständig am Explodieren, ohne dass jemand Lunte gelegt hätte. Je hitziger die Ausbrüche werden, desto kälter lässt einen der Film.“ Neben „Legende der Festung Suram“ (Sergei Paradshanow, 1987) und „Fallen Angels“ (Wong Kar-Wai, 1996) hätte man sich gerade aus dem Forum mehr Beispiele aus der Kategorie „zu Unrecht vergessene Meisterwerke“ gewünscht.

Jenseits allen Zweifels dabei ist Nagisa Oshimas „Im Reich der Sinne“ (1976). So viel Sinnesreichtum rief damals die Zensur auf den Plan, die Kopie wurde beschlagnahmt und Forum-Leiter Ulrich Gregor wegen pornografischer Umtriebe angeklagt. Noch größeres politisches Aufsehen erregten zwei Vietnam-Filme: „o.k.“ bescherte dem Festival 1970 die größte Krise, aus der es im folgenden Jahr gestärkt mit dem „Internationalen Forum des Jungen Films“ hervorging, nur wurde „o.k.“ jetzt nicht vom Produzenten Rob Houwer freigegeben; gezeigt wird aber „The Deer Hunter“, der 1979 die Jury sprengte, weil die sozialistischen Länder ihre Abgesandten zurückbeorderten.

1977 hatte Wolf Donner zusammen mit Ron Holloway noch der Zensur in Moskau den Film „Aufstieg“ abgerungen, einen erschütternden Partisanenfilm in Form eines Passionsmelodrams, weit jenseits des üblichen sozialistischen Realismus. Der deutsche Film präsentiert sich angemessen zurückhaltend mit dem populärsten Werk Fassbinders, „Die Ehe der Maria Braun“ (1979), dem ungewöhnlichem Musikfilm „Die Chronik der Anna Magdalena Bach“, der radikal mit allen Kunstkonventionen bricht, dem relativ unbekannten Film aus der DDR, „Die Frau und der Fremde“ (1985) und schließlich mit „Yella“ (2007), für den Nina Hoss den Silbernen Bären als beste Darstellerin bekam.

Dafür steht uns aber im 60. Berlinale-Jahr noch ein weiteres Ereignis bevor: Retro und Science Fiction, Renaissance und Zukunftsvision, Berlin-Film und Jahrhundertwerk: „The Complete Metropolis“; der Regisseur Fritz Lang wurde vor 120 Jahren geboren.

Die Auswahl besorgte

ein britischer Filmkritiker,

der noch nie in Berlin war 

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