Retrospektive : Feuer und Furor

DIE Retrospektive entdeckt das Werk Ingmar Bergmans neu.

Ralph Eue

Nicht die Asche anbeten, sondern das Feuer der Filme des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman weitertragen: Darum geht es den Organisatoren der Retrospektive. Das vitale Ziel passt zu Bergman selbst. Ihm kam es immer sehr auf den Nutzwert seiner Filme an. Oft genug hat er betont, dass er mit seinen Arbeiten keineswegs zu kultischer Andacht einladen, sondern zur praktischen Aneignung auffordern will.
Der Pastorensohn Ingmar Bergman (1918–2007) war seit seinen Anfängen in den späten fünfziger Jahren eine Schlüsselfigur des Aufbruchs in die Kinomoderne. Mit Filmen wie „Die Jungfrauenquelle“ (für den er 1961 den Oscar erhielt), „Wie in einem Spiegel“ (Oscar 1962) oder dem Familienepos „Fanny und Alexander“ (Oscar 1983), aber auch mit „Das Schweigen“ (1963), „Szenen einer Ehe“ (1973) und dem MutterTochter-Drama „Herbstsonate“ (1978) schuf er die Quintessenz dessen, was man bis heute avanciertes Kunstkino nennt. Und er schuf ein Kino der Frauen, mit großartigen Schauspielerinnen wie Liv Ullmann und Harriet Andersson (beide kommen zur Berlinale), mit Eva Dahlbeck, Bibi Andersson oder Ingrid Thulin.
Die Konzentration auf die Ehrfurcht gebietenden Klassiker verstellte indes den Blick auf die enorme Vielfalt seines Werks. Vor allem in seinen frühen Arbeiten, zwischen 1945 und 1952, war Bergmans Schaffen von einem widerborstigen Furor geprägt: Mit einem halben Dutzend Filmen, darunter so selten zu sehenden Perlen wie „Es regnet auf unsere Liebe“ (1946), „Hafenstadt“ (1948), „Gefängnis“ (1949) oder „Sehnsucht der Frauen“ (1952) schlug Bergman – damals noch ungelenk – in die Extreme aus. François Truffaut nannte gerade diese ersten Filme einmal „hinreißend, angestrengt, mächtig, unerbittlich – und Herausforderung sowie Vergnügen für unsere Intelligenz“.
Die Retrospektive schärft den kritischen Blick für das seltsam unbewegliche Image Bergmans zwischen 1950 und 1980. Bergman wurde damals nahezu ausschließlich als grüblerischer und religiöser Filmemacher wahrgenommen. Gewiss, einige seiner über 60 Produktionen widmen sich diesem Theam mit verzweifelter Wucht. Kaum beachtet blieb indes eine schöne selbstreflexive Überlegung Bergmans aus den frühen sechziger Jahren. Nach seiner „religiösen Trilogie“ („Wie in einem Spiegel“, „Licht im Winter“, „Das Schweigen“) schrieb er: „Danach war ich fertig mit dem ganzen religiösen Überbau, er verschwand, und ich wurde ein Mensch, der mit allen anderen Menschen auf der Erde unter einem hohen leeren Himmel allein war, und ich fühlte eine ungeheure Ruhe, die mich gleichzeitig in große Erregung versetzte.“
Bergman war ein virtuos weltlicher Filmemacher, das arbeitet die Retrospektive fein heraus. Präsentiert werden alle seine Kinofilme sowie Beispiele seiner Arbeit als Drehbuchautor. Hinzu kommen Dokumentationen von Stig Björkman, der den Regisseur vor und hinter der Kamera porträtiert hat. Ergänzend zum Filmprogramm finden, zusätzlich zur bereits eröffneten Ausstellung, Vorträge und Diskussionen im Filmmuseum statt.

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