• Retrospektive Herbert List: Porträts, Straßenansichten, Reiseimpressionen: Eine Austellung des Fotografen in der Galerie Camera Work

Kultur : Retrospektive Herbert List: Porträts, Straßenansichten, Reiseimpressionen: Eine Austellung des Fotografen in der Galerie Camera Work

Michael Nungesser

Bedeutende Fotoausstellungen gehen aus Mangel an Interesse und geeigneten Räumen häufig an Berlin vorbei. Galerien springen in die Bresche wie jetzt Camera Work bei der gewichtigen Retrospektive von Herbert List (1903-1975), die, vom Münchner Stadtmuseum auf die Reise geschickt, in Frankreich, Spanien, Kanada, USA und Italien Station macht. In Berlin hatte der Hamburger Kaufmannssohn, der später meist in München lebte, 1942 in der legendären Galerie Karl Buchholz ausgestellt - eine der wenigen Male überhaupt zu Lebzeiten. Der reiselustige Fotoamateur, homophiler Ästhet und Dandy, durch die Gefährdungen der Nazi-Diktatur zur Aufgabe seiner bürgerlichen Existenz in der Firma des Vaters gezwungen, suchte eher in Zeitschriften und Büchern ein öffentliches Forum für seine Lichtbilder. In den letzten Lebensjahren widmete er sich zudem ganz seiner Sammelleidenschaft für Renaissance- und Barockzeichnungen - auch er selbst hat viel gezeichnet.

Die Fotoausstellung umfasst Dye Transfers als Posthumous Prints (bis 1000 Dollar) sowie mehrheitlich Vintage Prints (ab 1000 Dollar). Die Antike oder in ihrer Tradition stehende Bauten und Ruinen sowie Porträts bilden zwei thematisch und ästhetisch geschlossene Werkblöcke. Die Liebe zu den mediterranen Kulturen veranlassten List zu zahlreichen Aufnahmen griechischer Tempelruinen, Statuen, Reliefs, Torsi und Säulenreste (2000 bis 7000 Dollar). Vom Licht umschmeichelt und klar konturiert, wirken sie wie lebendig. Den romantischen Aufnahmen der dreißiger Jahre stehen tragische, mahnende zur Seite, entstanden kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in München: Gipsabgüsse nach der Antike, eine römische Statue, Bleekers Rosseführer, die Glyptothek - auch sie Ruinen, aber ohne Glanz und Gloria der Geschichte, Trümmeropfer mit Geschosswunden, von einer Schneedecke magisch-mild zugedeckt.

Berühmte Personen - Künstler und Intellektuelle - hat List meist in den Nachkriegsjahren porträtiert (1000 bis 6000 Dollar), in Paris, Italien und Berlin: Braque und Picasso, Chagall und Cocteau, Chirico und Morandi - die seine frühen Fotografien geprägt haben. Pasolini und de Sica, Somerset Maugham und Bowles treten autoritätsschwer und melancholisch auf, nachdenklich, seherisch; nur wenige Frauen finden sich unter seinen Porträts, Ingeborg Bachmann etwa, Colette und Marlene Dietrich, meist weniger einprägsam und persönlich gesehen.

Aus dem übrigen Werk ragen vor allem die von Surrealismus und Neoklassizismus inspirierten metaphysischen Bilder der Frühzeit heraus, die sich durch Doppelbelichtungen, Spiegel und das verfremdende Zusammenfügen verschiedener Gegenstände auszeichnen. Neben den eher forciert wirkenden figuralen Inszenierungen wie der Serie "Geist des Lykabettos" bestechen die einfachen, aber genau ausgeklügelten stillebenhaften Szenen: "Fahrrad an der Straßenecke" (mit 10 000 Dollar am höchsten dotiert), "Goldfischglas" auf Balustrade vor glitzernder See, "Taverne" als abstrakte Komposition aus Tischen im Gegenlicht oder der zwischen Stühle gehängte große und unheimliche "Oktopus". Daneben finden sich auch von anderen Zeitgenossen gerne abgelichtete Auslagen und Reklamen von Optikern, Bandagengeschäften oder der "Brautdekor im Blumenladen" (8000 Dollar), Katakomben und Panoptikum. Auch in den um Sport, Erholung und Freundschaft kreisenden Fotos junger, athletischer Männerkörper findet sich das "Magische", das List nach eigener Aussage "wie im Vorübergehen erfaßte".

Lists Bilder, Gedichten gleich, wie ihm seine Agentur wegen ihrer schwierigen Verwertbarkeit einmal vorwarf, nähern sich in den fünfziger Jahren Reportage und Bilder-Essay. Wo in der Frühzeit bei vergleichbaren Aufnahmen das Statische und Sinnbildhafte im Vordergrund stand - die alte Frau in "Der lange Weg", vereinzelte Fußgänger auf der endlos scheinenden "Treppe zum Himmel" - kommen später Bewegung und Abläufe ins Spiel. Fasziniert ist List auf seinen Reisen vom Einfachen und Authentischen: Straßenkinder in Mexiko, Kaffeepflücker auf Haiti, Teilnehmer des Pocomania-Rituals in Jamaika oder das Leben und Treiben der kleinen Leute in Neapel. Zusammen mit Regisseur Vittorio de Sica widmete er der süditalienischen Stadt ein ganzes Buch. Auch hier wirken seine kunsthistorischen Kenntnisse einfühlsam weiter: Wie eine dramatisch bewegte barocke Komposition heben sich die "Priesterschüler am Meer" gegen die helle, sanft sich mit dem Himmel vermählende Wasserfläche ab.

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