Retrospektive Laurel und Hardy im Berliner Babylon : Süßer Matsch, ernster Quatsch

Wo herrenlose Torten fliegen: Eine umfassende Retrospektive in Berlin ehrt das Komikerpaar Laurel & Hardy.

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Trio infernale: Ausruhen vor dem Sturm. Auch der Hund wird Ärger machen.
Trio infernale: Ausruhen vor dem Sturm. Auch der Hund wird Ärger machen.Foto: Archiv Christian Blees

Die Umstellung vom Stummfilm auf den Tonfilm hat zwischen 1927 und 1929 Panikattacken und persönliche Tragödien ausgelöst. Die großen Komiker allerdings waren davon nicht betroffen – schließlich spielte es keine Rolle, was sie sagten oder mit welcher irgend geschulten Stimme sie es sagten. Sie demolierten weiterhin Wohnzimmer, stolperten übers Dach oder versuchten, sich aus viel zu engen Stiefeln zu befreien.

Dialog war Nebensache, Pflicht wurde er dennoch. Deshalb mussten Stan Laurel und Oliver Hardy auf einmal Fremdsprachen lernen – das kommt davon, wenn man Fans in aller Welt hat! Da es um 1930 noch nicht üblich war, Filme zu synchronisieren oder zu untertiteln, wurden Filme gleich in mehreren Sprachen gedreht: spanisch, französisch, italienisch, deutsch. Für diese Versionen wurden Hollywoodstars manchmal durch europäische oder südamerikanische Kollegen ersetzt. Im Fall von Laurel & Hardy gab es keinen Ersatz.

Die Fremdsprachenversionen sind eine Hauptattraktion der Laurel-&Hardy-Retro, die das Babylon Mitte anlässlich des 125. Geburtstags von Stan Laurel (16. Juni) veranstaltet. Ihm und seinem Partner merkt man an, dass sie die Dialoge rein phonetisch gelernt haben. Nur zwei Drittel sind zu verstehen. Zugleich beeindruckt die Mühe, die sich Laurel & Hardy dabei geben. In „Spuk um Mitternacht“ (1930) verkörpern die zwei wie so oft Landstreicher, die jede Chance wahrnehmen, um an Geld zu kommen. Nachdem ein Schlossherr mit dem Nachnamen Laurel verstorben ist, gehen sie zur Testamentseröffnung. Stan behauptet, ein Nachkomme zu sein. Wörter wie „Angsthase“ und „Ich ersticke“ gehen ihnen noch leicht von den Lippen, „Rücken“ aber ist tückisch und klingt wie „Racken“. Ein Vergnügen ist die 38-minütige Horrorkomödie allemal.

In Deutschland hießen die zwei damals noch nicht Dick und Doof, sondern Dick und Dof. Ob Doof oder Dof, die Umbenennung ist den deutschen Synchronstudios als Akt kultureller Barbarei ausgelegt worden. Dabei hat man Laurel & Hardy auch anderswo umbenannt. Sie hießen Dikke und Dunne in den Niederlanden, El Gordo y El Flaco in Spanien, Helan och Halvan in Schweden. Auch das Zerstückeln und falsche Wiederzusammensetzen ihrer Filme sollte man nicht zu eng sehen. Laurel & Hardy waren Perfektionisten im Kleinen, sie haben einzelne Bewegungsabläufe minutiös ausgearbeitet. Aber sie strebten niemals nach einem Gesamtkunstwerk.

Sie sind die ewigen Spielkinder

Keine Frage, es gibt nichts in ihrem Werk, das sich mit Charlie Chaplins „Goldrausch“ oder Buster Keatons „General“ vergleichen ließe – weder sozialkritische oder philosophische Ansätze noch ein Streben nach künstlerischer Unabhängigkeit. Sie waren Meister ohne Meisterwerk, Künstler ohne Kunstwerk. Am liebsten wären sie beim Kurzfilm geblieben, da fühlten sie sich in ihrem Element.

Hühüpf! In der Komödie „Liberty“ von 1928 stehen Laurel & Hardy ständig am Rande des Abgrunds.
Hühüpf! In der Komödie „Liberty“ von 1928 stehen Laurel & Hardy ständig am Rande des Abgrunds.Foto: Archiv Christian Blees

Die abendfüllende Länge ihrer Tonfilme war eine Konzession an den Markt. In Europa wurde manchmal ohne ihr Wissen ein Film verlängert, durch Zusammenschnitt mit anderen Filmen. Dem Ruf des Duos hat das nicht geschadet, denn das Meisterhafte an ihren Filmen ist die Figurenzeichnung. In diesem Zusammenhang ist es überfällig, Oliver Hardy zu rehabilitieren. Allzu oft ist Laurel auf Kosten seines Partners gewürdigt worden, als Hirn des Duos, als derjenige, der alles organisiert. Hardy dagegen, behaupten böse Zungen, sei bloß ins Studio gekommen und übers Sofa gestolpert. Dabei erweist er sich bei Großaufnahmen als der Stärkere. Dagegen wirkt Stan – man muss den Vornamen gebrauchen, wenn es um die Leinwandfigur geht – als das ewige Kind, das ständig etwas kaputt macht und nichts dafür kann, auf die Dauer eindimensional.

Ollie muss immer wieder versuchen, den Schaden zu beheben und die Geschädigten zu beruhigen. Er ist der Reifere von beiden, im Guten wie im Schlechten, verschlagen, mit leicht krimineller Energie, aber auch würdevoll und mitunter eine tragische Figur. Ein großes Kind ist auch er – deshalb wirkt es völlig unschuldig, wenn er mit Stan das Bett teilt und sie sich beim Ausziehen helfen. Wenn sie mal Ehefrauen haben, dann sind sie vor ihnen auf der Flucht. Die schönste Liebeserklärung gibt es in „Laughing Gravy“ (1931): Stan wird eine Erbschaft in Aussicht gestellt, darf sie aber nur annehmen, wenn er sich für immer von Ollie trennt. Er entscheidet sich für Ollie.

Auch wenn sie mit keinem Werk im Filmkanon vertreten sind, so haben sie doch zumindest mit ihrer Tortenschlacht in „The Battle of the Century“ (1927) einen Rekord aufgestellt. Finanzielle Rekorde dagegen blieben ihnen versagt. Sie waren keine versierten Geschäftsleute, verdienten nie mehr als 3500 Dollar pro Woche, und als ihr Produzent Hal Roach die Filmrechte ans Fernsehen verkaufte, bekamen sie keinen Cent ab. Die Unschuld, mit der sie ein Millionenpublikum verzauberten, war ganz offensichtlich authentisch.

Babylon Mitte, 19. bis 28. Juni, Informationen zum Programm der Retrospektive: Info: www.babylonberlin.de

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