Kultur : Rette sich, wer kann

Der rot-rote Senat, daran besteht kein Zweifel mehr, will sich von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz trennen. Ein erster Schritt ist mit der - allen Anzeichen nach zu erwartenden - Übernahme des Berliner Anteils an den Sanierungskosten der Museumsinsel durch den Bund getan. Das betrifft zunächst nur die Jahre 2002 und 2003. Danach aber steht die Vereinbarung, die der Bund und alle 16 Länder über den Betrieb der Preußen-Stiftung geschlossen haben, zur Neuverhandlung an. Das ist der Zeitpunkt, an dem eine neue, über alle finanzielle Flickschusterei hinausgehende Lösung gefunden werden muss.

Es ist ein einzigartiger Vorgang, dass ein so genanntes "Sitzland", also Hüter und Nutznießer einer kulturellen Einrichtung, diese an einen anderen Träger abschieben möchte, koste es, was es wolle - oder genauer gesagt: damit es möglichst nichts mehr koste. Denn das ist der nackte Kern des Berliner Schnäppchenangebots. Die verzweifelten Sparbemühungen auch dieses neuen, schon jetzt furchtbar alten rot-roten Senats fanden im Kulturbereich ein einziges Objekt von Gewicht: die Stiftung Preußischer Kulturbesitz - und die milliardenschwere Sanierung ihrer Liegenschaften.

Mal um Mal war im Falle der Museumsinsel bekräftigt worden, dass die Rettung dieses Komplexes von Weltrang nicht Generationen in Anspruch nehmen dürfe, sondern bis gegen 2010 zum Abschluss gebracht werden müsse. Doch der Haken an der Sache ist die hälftige Finanzierung durch Bund und Berlin. Berlin wurde bereits im vergangenen Jahr arg notleidend. Nur Stützungsmaßnahmen und Buchungstricks hielten so eben noch den Anschein aufrecht, die Stadt komme ihrer vertraglichen Verpflichtung nach. Die hat der Senat jetzt einseitig aufgekündigt. Senatschef Klaus Wowereit, dem man eine besondere Neigung zur Preußen-Stiftung kaum wird nachsagen können, münzte die Bankrotterklärung zur Belehrung des Bundes um, dieser habe "in der Bundeshauptstadt ausschließliche Kompetenzen", die er "aber bislang nur teilweise" wahrnehme. Bei der Museumsinsel - erster Dominostein - wird der Bund seiner "Kompetenz" nun also zur Gänze gerecht.

Offiziell geht es bislang nur um den Ausstieg aus den Baukosten, die im kommenden Landeshaushaushalt bereits mit Null angesetzt sind. Dann aber gibt es noch eine weitere "Minderausgabe", hinter der sich die Beteiligung Berlins am Betriebshaushalt der Stiftung erkennen lässt. Damit ist nun der Bogen zur Entflechtungs-Forderung vorrangig west- und süddeutscher Länderchefs geschlagen. Steigt nämlich Berlin aus der Finanzierung der Stiftung aus, wird es auf Seiten der Bundesländer kein Halten geben; ja, es wäre widersinnig, wollten sich Bayern oder Sachsen länger für das Tagesgeschäft einer Einrichtung zuständig fühlen, die das Sitzland selbst in panischer Flucht verlässt.

So nassforsch das Procedere - das Ergebnis muss indessen kein Unheil sein. Im Gegenteil: Die Spiegelung des bundesdeutschen Kulturföderalismus ausgerechnet in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu sehen, die ein Erbe der Geschichte darstellt und jedenfalls nicht das Ergebnis zielgerichteten Zusammenwirkens aller Bundesländer, war immer schon eine gedankliche Täuschung. Die Preußen-Stiftung musste für dieses föderative Idyll in Ermangelung entsprechender Institutionen herhalten - wie es die frisch gegründete Nationalstiftung sein könnte. Entsprechend unwillig haben sich denn auch mehrere der 16 Länder stets benommen. Endlich, mit dem Rette-sich-wer-kann-Rückzug Berlins, entfällt auch südlich der Mainlinie der Zwang zur föderativen Rhetorik.

Und die Bundesrepublik? Sie ist in der Tat der Erbe Preußens - eines aufgelösten Landes, das einst weit über sie hinausreichte. Das preußische Erbe ist ein nationales - eben weil es kein Einzelland gibt, das es für sich zu reklamieren berechtigt wäre. Berlins Ausstieg aus dieser Stiftung, die den besseren Teil Preußens verkörpert, ist in der Form ebenso nassforsch wie in der Sache bedenkenswert. Wehte da nicht gerade des schwäbischen Preußen Hegels Weltgeist?

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