"Rette uns, Okichi!" an der Neuköllner Oper : Apokalypse und Utopie

Zwischen Spätromantik und Verismo: Die Neuköllner Oper zeigt die japanische Nationaloper "Kurofune" als „Rette uns, Okichi!“ erstmals in Europa.

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Mutige Geisha. Okichi (Yuri Mizobuchi) steht zwischen allen Fronten.
Mutige Geisha. Okichi (Yuri Mizobuchi) steht zwischen allen Fronten.Foto: M. Heyde

Hätte der Abwurf der ersten Atombomben verhindert werden können, wenn mehr Menschen die Uraufführung der ersten großen japanischen Oper besucht hätten? Auf den Gedanken kann man kommen, wenn man sich die Geschichte von Kosaku Yamadas „Kurofune“ zu Gemüte führt, die 1940 in Tokio erstmals erklang.

Anhand einer Dreieckskonstellation verarbeiten der Komponist und sein amerikanischer Librettist Percy Noël das nationale Trauma der 1853 durch die Amerikaner erzwungenen Öffnung des jahrhundertlang abgeschotteten Landes für den internationalen Handel. Die Kontrahenten werden repräsentiert durch den mit den Verhandlungen zum Freundschafts- und Friedensvertrag beauftragten amerikanische Konsul und den für die alte Ordnung stehenden Samurai Yoshida. Zwischen ihnen steht die Geisha Okichi, die Zuneigung zu dem Konsul entwickelt, doch von Yoshida den Auftrag erhält, ihn zu töten. Sie aber hat die Stärke, sich von keiner Seite ganz vereinnahmen zu lassen, so dass am Ende Yoshida rituellen Selbstmord begeht und damit sowohl verhandlungsbereiten politischen Kräften Raum gibt wie auch den Respekt des Konsuls erwirbt.

Ein Hauch von Impressionismus

Erzählt wird die Geschichte in einer zwischen Spätromantik, Verismo und einem Hauch Impressionismus mit dezenten japanischen Anklängen vermittelnden musikalischen Sprache. Es ist ein großes Verdienst der Neuköllner Oper, dieses hochinteressante Dokument einer aus multinationaler Zusammenarbeit entstandenen Nationaloper, die ästhetisch wie inhaltlich von kultureller Assimilation erzählt, zur europäischen Erstaufführung verholfen zu haben. Wahrscheinlich wäre es am besten, das Stück begleitet von einem ausführlichen Programmheft möglichst unverändert auf die Bühne zu bringen und den Zuschauer den verstörenden Gegensatz zwischen dem Wissen um den apokalyptischen Verlauf des realen Konflikts und seiner utopisch-ästhetischen Spiegelung auf der Bühne aushalten zu lassen.

Doch dafür hätte das Haus gar nicht die Mittel. Regisseur Tomo Sugao und der musikalische Leiter Aki Schmitt reduzieren das Stück unter dem Namen „Rette uns, Okichi!“ für Klavier sowie ihren sehr ordentlich singenden dreiköpfigen Cast und versuchen, den Konflikt durch den scharf kontrastierenden Einsatz der Mundorgel Shô deutlicher in die Musik zu tragen. Doch genau dadurch bevormunden sie den Komponisten, dessen provokatives Vermächtnis darin besteht, die Usurpation liebevoll angenommen zu haben.

Die nächsten Vorstellungen ab 2. März sind ausverkauft. Karten wieder im April.

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