Kultur : Rette, wer kann

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Bernhard Schulz über die baupolitische Perspektive des Kanzlers

Die Verstädterung der Erde nimmt unaufhörlich zu. Noch zu unseren Lebzeiten werden zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Welcher Art dieses Leben und die entsprechenden Städte sein werden, lässt sich beim Blick auf die bereits jetzt außer Kontrolle geratenen Megacities der Dritten Welt erahnen. Diskussionen um architektonisch-ästhetische Fachfragen bestimmen dort gewiss nicht den Alltag – allerdings oft auch nicht solche um die rapide schwindenden Lebensgrundlagen, von denen die Endlossiedlungen zehren.

Dass der Bundeskanzler seiner Eröffnungsrede zum Welt-Architekturkongress diese Perspektive gab, verdient uneingeschränkte Zustimmung. Die globalen Probleme relativieren die lokalen Querelen. Und dennoch: Wenn wir uns im alten Europa mit Traditionen wie der „europäischen Stadt“, ja überhaupt mit Architektur als einem Mehr gegenüber dem bloß physischen Schutz des unbehausten Menschen befassen, ist das nicht antiquiert. Das friedliche Zusammenleben der Menschen in immer größeren Agglomerationen hängt nicht allein von ökonomischen und sozialen Faktoren ab. Im Gegenteil: Je mehr die Menschheit auf engstem Raum zu leben gezwungen ist, desto wichtiger wird die Qualität ihrer gebauten Umgebung. Ein Kongress, der sich mit der „Ressource Architektur“ befasst und damit zugleich die schwindenden Ressourcen des Lebens meint, ist in Berlin durchaus am richtigen Platz. Aus dem zwölfjährigen, architektonischen Zusammenfügen einer in jeder Hinsicht geteilten Stadt lassen sich Erkenntnisse, zumindest aber Eindrücke gewinnen, die überall in der Welt von Nutzen sein können. Wo Menschen bauen, brauchen sie auch Architektur – nicht als Dreingabe, sondern als Ressource ihres Zusammenlebens.

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