Kultur : Retter, Schlepper, Menschenfänger

Henning Mankells „Zeit im Dunkeln“ im Berliner Maxim-Gorki-Theater: Der schwedische Krimi-Autor versucht sich als Seelendramatiker

Günther Grack

„Warum hast du sie losgelassen?“ Die Frage der Tochter an den Vater, ein Vorwurf so schwer wie ein Mühlstein um den Hals, betrifft die Mutter: Warum hat er sie nicht festgehalten und vor dem Ertrinken bewahrt, als das Schiff, das sie und viele andere Flüchtlinge von Afrika nach Europa schmuggeln sollte, vor der spanischen Küste leckschlug? Der Vater kann den Vorwurf zurückweisen mit der Antwort, er habe zwischen Frau und Tochter nur einer von beiden das Leben retten können. Dennoch, der Verlust des Mittelpunkts der Familie in den abgründigen Wasserfluten bleibt ein Trauma für die Überlebenden auch noch an dem Zufluchtsort, den sie irgendwo im hohen Norden Skandinaviens gefunden haben. „An der Küste sind drei Leichen an Land geschwemmt worden": Die Nachricht, die der Vater in der Zeitung liest, lässt die Tochter, flackernden Blicks, in stummem Erschrecken erstarren – bis zu dem erlösenden Nachsatz: „Keine Frau."

Henning Mankells Theaterstück „Zeit im Dunkeln" ist das Psychogramm einer wurzellosen Migrantenexistenz zwischen Baum und Borke, zwischen einer schrecklichen Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft. Vater und Tochter, die beiden Personen des Einakters, sind vor einer Gewaltherrschaft geflohen, in der es möglich ist, dass ein Politiker einen regimekritischen Journalisten abstraft, indem er ihn vor die Wahl stellt, sich entweder die Augen mit einer Zigarette ausbrennen oder die Zunge mit einer Schere abschneiden zu lassen. Australien oder Kanada, das sind die Sehnsuchtsziele des Vaters, der seinen Beruf als Zimmermann hier wie dort ausüben und für die Tochter „einen guten Jungen" finden zu können hofft. Noch aber stecken sie fest an ihrer Zwischenstation, in einer leer stehenden Wohnung, an deren Tür – einziger Hinweis auf das erreichte Land – der Name Svedlund steht, und warten darauf, dass ihre Schlepper sie verabredungsgemäß mit neuen Papieren versehen. Ihre alten Papiere, sei es ein Gewerkschaftsausweis oder auch nur ein Hochzeitsfoto, sind für sie eine Gefahr und daher zu vernichten, wie die Tochter, kluges Kind, rät: „Wenn man keine Identität hat, können sie einen nicht ausweisen." Am Ende nimmt sie dem Vater die Papiere ab und damit das Heft aus der Hand.

Ein handfester Beitrag zum Thema Migration, wie es Hans Magnus Enzensberger vor elf Jahren in seinem Essay „Die Große Wanderung" abgehandelt hat, ist Mankells Stück allerdings nicht. Seine politischen Hintergründe nur vage andeutend, stellt es in den Vordergrund die Emanzipation der jungen Frau, ihre Selbstbehauptung gegenüber einem in traditionellen Paschaallüren befangenen Vater. Ein Kampf, an dem als unsichtbare Dritte die tote Mutter mitwirkt, in deren Rolle der Vater die Tochter hineinzwingen will – mit physischen Übergriffen seinerseits, psychischen Überreaktionen ihrerseits.

Vor fünf Wochen hat der Autor in Frankfurt am Main die deutsche Erstaufführung seines Stücks selbst inszeniert (Tagesspiegel vom 6. Mai). Jetzt, im Berliner Maxim-Gorki-Theater, unter Volker Hesses Regie, wird der Kampf der Geschlechter und Generationen in einer hölzernen Baracke ausgetragen, die der Bühnenbildner Michel Schaltenbrand karg, fern aller Ikea-Gefälligkeit, gestaltet hat. Götz Schubert trotzt seinem germanischen Typus die südländische Vaterrolle ab; anfangs in sich versunken, ein einsamer Mann, dem sich ein langer Schrei der Qual entringt, hockt er am Ende stumm da, offenen Mundes ins Leere starrend – ein Inbild der Erschöpfung. Louisa Stroux hat alle Attacken des Vaters, einschließlich eines Selbstmordattentats mittels Benzin, überstanden: eine zarte Person, aus deren bleichem Gesicht dunkle Augen leuchten; das beflissene Lächeln töchterlicher Ergebung, das sie anfangs gezeigt hat, ist dem energischen Ton eines gesunden Egoismus gewichen: „Was bleibt, bin ich." Den Respekt, den die Tochter fordert, hat auch deren Darstellerin verdient, bestätigt vom starken Beifall, den sie, der Hausherr und sein Team nach 90 Minuten pausenlosen Spiels beim Premierenpublikum fanden.

Die vielen Fans des schwedischen Bestseller-Autors müssen sich darauf gefasst machen, dass der Name Mankell nicht unbedingt Thriller-Spannung garantiert. Der Versuch des Romanciers, sich mit dem Seelendrama neues Terrain zu erobern, ist ehrenwert – noch freilich bedarf er, um zum Erfolg zu gelangen, der theatralischen Nachhilfe wie hier.

Wieder am 19. Juni und 5. Juli, 19.30 Uhr.

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