Kultur : Rettet den Autor!

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LESEZIMMER

Rainer Moritz kämpft

(verlorene) Sprachkämpfe

Dies ist ein kulturkritischer Beitrag. Das mag dem einen oder anderen an einem Montagmorgen zu viel sein, doch wo ein klares Wort nötig ist, soll es fallen. Keine Sorge, es geht hier nicht um die Äußerungen deutscher Schriftsteller zum Irak-Krieg, sondern nur um den Schriftsteller schlechthin. Lassen Sie mich dazu ein wenig ausholen.

Wer über den Verfall der Sprache wehklagt, über zunehmende Anglizismen, über Szenevokabeln oder über „weil“-Sätze, die mit einem Mal wie „denn“-Sätze gebaut werden, macht sich oft lächerlich. Beckmesser dieser Sorte erinnern meist an vertrocknete Oberstudienräte, die vergeblich danach streben, von der Bundesregierung zum Sprachwart mit Sanktionsbefugnis berufen zu werden. Kämpfe gegen grammatikalische oder lexikalische Verhunzungen sind fast immer verlorene Kämpfe, und dennoch gibt es unerschrockene Streiter, die nicht aufhören wollen, eine Blödheit eine Blödheit zu nennen, auch wenn sich die gesprochene Sprache wenig um ihre Vorhaltungen kümmert.

Ich zum Beispiel gehöre zur sprachkritischen Spezies, obgleich ich – natürlich – nichts von einem Oberlehrer an mir habe. Die Welt ist für mich ein einziger Setz- und Druckfehler. Ausnahmen (wie die vor Ihnen liegende Tageszeitung) nehme ich kaum noch wahr, denn das Chaos der alten und neuen Rechtschreibung hat aus meinem Sprachbeobachtungstrieb einen Fulltimejob gemacht. Überall Verstöße, in Büchern (ach, die Verlage ...), Frauenmagazinen, Packungsbeilagen und an Imbissständen, wo mich die Aufforderung „Döner auch zum mitnehmen“ gar nicht mehr aufregt.

Vor Jahren etwa führte ich einen einsamen Kampf gegen die Oswald-von-Wolkenstein-Gesellschaft, die sich trotz vehementem Briefwechsel mit mir nicht dazu bequemen wollte, die fälligen Bindestriche in ihrem „Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein Gesellschaft“ nachzutragen. Mein Veto bewegte nichts, und gerade in der Bindestrichfrage habe ich mittlerweile die Segel gestrichen. Schreibungen wie „Heinrich Böll Ausgabe“ oder „Erich Kästner-Schule“ erdulde ich resigniert; meine Hinweise, dass es sich dabei um zusammengesetzte Substantive wie „Blutwurststulle“ handelt und die Kästner-Schule nicht Erich mit Vornamen heißt, fruchteten selten. Und immer hält man es nicht aus, als einsamer Rufer in der Wüste verspottet zu werden.

Der Einfluss der englischen Sprache hat diese Spirale weitergedreht. Ungetüme wie „Service Station“, „Kick Off Meeting“ oder „Copy Center" lesen wir an jeder Straßenecke, und so verwundert es nicht, dass selbst renommierte Buchverlage sich „Suhrkamp Verlag“ oder „Hoffmann und Campe Verlag“ schreiben. Lediglich in Berlin, im Widerstandseck der Neuen Promenade, sitzt ein tapferer Zeitgeistverächter, der dankenswerterweise als „Aufbau-Verlag2 firmiert ... was freilich ein historisch zu erklärendes Versehen zu sein scheint, denn dieses Haus gehört, so die Eigenwerbung, zur „Aufbau Verlagsgruppe“. Wie soll man das kommentieren?

Wie gesagt: Die Bindestrichauseinandersetzung ist verloren, zumal sich mein heroischer Kampf momentan auf die Flexionsebene konzentrieren muss. Ich soll konkreter werden? Gerne: Ein Schriftsteller wird auch „Autor“ genannt – kein sonderlich kompliziertes Wort und doch eines, das die Menschheit zu überfordern scheint. Zum Autor gehört der Genitiv „des Autors“, während es Dativ und Akkusativ uns noch leichter machen und die unveränderte Form „Autor“ verlangen. Seit einiger Zeit gilt dies selbst unter Medienvertretern nicht mehr. Agenten, Journalisten, ja selbst Autoren wollen die schmucklose Endungslosigkeit nicht mehr hinnehmen und formulieren Sätze wie „Wir haben da einen Autoren gelesen“. Und wenn wir schon einmal dabei sind, dachte sich die gleichgültige Sprache, bringen wir alles durcheinander und attackieren auch den Genitiv. „Das Werk des Autoren“ ist inzwischen eine Wendung, die jedem zweiten Buchmessenbesucher locker von den Lippen geht.

Ich lehne das rundum ab. Ich werde es nicht akzeptieren und fordere alle Sprachversager auf, wenigstens auf die Vokabeln „Schriftsteller“ oder „Schreiber“ auszuweichen, die eine derartige grammatikalische Verballhornung nicht so schnell erlauben. Ich werde eine Petition aufsetzen, die ich ... ja, an wen eigentlich? ... richten werde. Die Gesellschaft für deutsche Sprache würde mich sofort unterstützen, doch die wiederum gefällt mir nicht. Und auch der Deutsche Philologenverband oder der Verband deutscher Schriftsteller scheinen mir nicht als Ansprechpartner geeignet. „Rettet den Autor“, so soll die Losung heißen, obwohl ich Befürchtungen habe, dass viele Zeitungen diesen Aufruf gedankenlos in ein „Rettet den Autoren“ umbenennen werden ... Damit endet dieser kulturkritische Beitrag.

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