Kultur : Rettet den Plattenbau!

Der Berliner Bildhauer Manfred Pernice versammelt Relikte der „Hässlichen Luise“

Nicola Kuhn

Es ist noch gar nicht so lange her, da galt er als der bekannteste unbekannte Künstler Berlins. Damals hatte Manfred Pernice (Jahrgang 1963) gerade auf dem Art Forum bei der Galerie Neu mit der Riesenskulptur „Sardinien“ debütiert und das Interesse erster Sammler auf sich gezogen. Danach waren überall woanders seine ruppig zusammen gezimmerten Konstruktionen aus Sperrholz und Pressspan zu sehen, jene eckigen und zylindrischen Gebilde, die als so genannte Dosen firmieren und die Welt erklären. Erst nach New York, Amsterdam, Wien, Kopenhagen, Lyon sollte der Absolvent der Hochschule der Künste ein größeres Forum in seiner Heimatstadt finden.

Da gehörte er auch schon zu den Teilnehmern jener legendären ersten „Berlin Biennale“ (1998), die wie keine andere Schau zuvor das Kapital „made in Berlin“ wertsteigernd in die Kunst einbrachte und nach der sich seitdem alle Nachfolgeausstellungen strecken. Pernice aber schuf das emblematischste Stück für die Biennale, eine sechs Meter hohe „Haupt- bzw. Zentraldose“ mitten im morbiden Gemäuer der alten Akademie am Pariser Platz, eine Anspielung auf den berühmten Tatlin-Turm, jenes nie realisierte Monument für die 3. Internationale 1919 in Moskau. Pernice aber hatte scheinbar mit leichter Hand eine Brücke aus Sperrholz zwischen den Gezeiten gebaut und zugleich das Thema Skulptur neu aufs Tapet gebracht.

Inzwischen ist diese Biennale selbst schon wieder Geschichte, aber Pernice galt endgültig als ein Aushängeschild junger Berliner Kunst, mit der die Hauptstadt so gerne für sich warb. Und so windet sich der gebürtige Hildesheimer, fragt man ihn nach seinem schnellen Erfolg, den Hype der Neunziger „Natürlich bleibt ein Zweifel, wie ich mich ohne diese Dynamik entwickelt hätte. Aber ich war mir meiner Arbeiten immer sehr sicher.“ Dieses traumwandlerische Gespür für Konstellationen im Raum, die konkrete Bezugnahme und zugleich poetische Verfremdung prägt bis heute sein Werk. Pernice ist sich treu geblieben, auch wenn die Szene seitdem mit Argwohn seine nächsten Schritte verfolgt, ja mit Häme bei seiner letzten Galerieausstellung unter dem Titel „Restepfanne“ nachgefragt wurde, ob er mit knapp vierzig Jahren bereits die Relikte seines eigenen Werks zusammenkehren müsse.

Doch das hat der im Herbst an die Wiener Kunstakademie berufene Bildhauer nicht nötig. Der Titel „Restepfanne“ bezog sich auf die in vier Vitrinen ausgebreiteten post-sozialistischen Überbleibsel, abgeschlagene Kacheln, zerfleddertes Geschenkpapier, Kitschpostkarten vom Sonnenuntergang. Auch mit seiner aktuellen Ausstellung in der Galerie Neu widmet sich Pernice wieder den Relikten der untergegangenen DDR. Das Material dürfte ihm also nicht allzu schnell ausgehen. Kurz vor dem Mauerfall war der Nachwuchsbildhauer von der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig nach Berlin gewechselt, um bei David Evison zu studieren. Bis heute fasziniert ihn die Gleichzeitigkeit verschiedener Welten, die Koexistenz zweier Zeitsituationen.

Wie in einem Brennglas begegnen sich diese beiden Wirklichkeiten in dem mittlerweile abgerissenen Plattenbau vis-à-vis vom Marie-Elisabeth-Lüders-Haus. Der am Ende nur noch „Hässliche Luise“ titulierte Wohnkomplex hatte gegenüber dem strahlend neuen Regierungsbau keine Chance. Pernice kehrt auch hier noch einmal die Reste zusammen und fürchtet doch das Pathos seines künstlerischen Abgesangs. Draußen vor dem Fenster ragt das verbogene Gestänge der zurückgebliebenen Spielgeräte auf (40000 Euro, 20000 Euro). An den Galeriewänden dokumentieren Fotografien die Übergabe einer letzten Topfpflanze an den Künstler, erinnert sich im Interview ein früherer Mieter und belegen Aufnahmen den Abtransport jener Badezelle (20000 Euro), die sich auf dem letzten Art Forum in der Sonderausstellung wiederfand. Damals wirkte der im Inneren gekachelte Kubus eher kryptisch ebenso die außen angebrachte Kopie einer Baustellen-Besichtigungsgenehmigung sowie Übernahmeerklärung, obwohl die Anmutung ansonsten typisch Pernice war. Auf diese Weise fand die translozierte Nasszelle aus der „Hässlichen Luise“ ihren Käufer.

Das zweite Exemplar, das sich Pernice ebenfalls vor dem Abriss sicherte, bleibt zunächst im Besitz des Künstlers. Dabei hat er Tag für Tag in seiner eigenen Wohnung Gelegenheit, die Maße eines DDR-Standardbades zu studieren. Der Documenta-Teilnehmer wohnt in einem Plattenbau unweit vom Haus des Lehrers, in zentraler Lage und doch an der Peripherie. Dieser Wohnsitz ist nicht einmal Überzeugungstat, vielmehr praktische Erwägung. Die Liebe zum Erbe sozialistischer Ästhetik verraten die schier überall gestapelten Flohmarkt-Funde und Bücherberge: Plaste-Spielzeug, kugelrunde Boxen, eine Kaffeekannen-Kollektion, an der Wand eine Ausstellungseinladung von Walter Womacka, dem letzten Recken des sozialistischen Realismus. Dazwischen lugen ein Laptop, Notizen, Rechnungen vom Baumarkt hervor. Die Vorbereitungen für die nächste Ausstellung laufen schon, diesmal in Madrid. Der Künstler hat eigentlich gar keine Zeit. Zauselig, angespannt wie jedes Mal steckt er mitten in den Vorarbeiten, obwohl er diesmal nur eine Akkumulation von Reiseeindrücken zeigen will, von Trips nach Odessa, Hallensleben, Eisenach. Heiter werden wohl auch diese nicht ausfallen, denn Pernice versteht seine Kunst als kulturelles Gedächtnisses. Und er weiß um seine Verantwortung.

Galerie Neu, Philippstraße 13, bis 5. Februar; Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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