Kultur : Rettet die Kaufhäuser!

Christiane Peitz

Die Parfümabteilung in den Galeries Lafayette. Die gläserne Art-Nouveau–Kuppel im Pariser Printemps. Die hölzernen Rolltreppen zur Dachterrasse mit Seineblick im Samaritaine. Die Mini-Limousinen für Millionärskinder im Harrod’s in London. Die Austern im KaDeWe. Der Schnäppchenmarkt bei Karstadt am Hermannplatz. Kaufhäuser sind Traumwelten, „dem Rausch geweihte Tempel“ (Walter Benjamin): Kathedralen der Versprechungen, Universen der Wünsche, Theater des Luxus und der Moden. Mit Gratisdüften, Kostbarkeiten zum Anfassen und Sonderangeboten für den direkten Verzehr – solange der Vorrat reicht. Wundersames Zwischenreich: Nicht dass sich alle alles leisten können, aber auch ohne Kasse bietet das Kaufhaus für das Spiel mit der Klasse eine prima Bühne. Und jetzt: Karstadt schließt die Hälfte seiner Filialen! Noch weniger Horten, Hertie, Kaufhof – diese ersten Transitstätten zwischen Schule und Heim, Startrampen zur großen weiten Welt, damals, in der Kindheit in der Provinz! Soll jetzt alles Shopping Mall werden, mit Air Condition statt Eau de Parfum? Oder restlos virtuell: E-Bay, das Kaufhaus zum Durchklicken mit Durchblick? Der Mensch ist ein haptisches Wesen. Er will weniger durch- als anblicken und auf Tuchfühlung gehen. Es ist ein grandioses Missverständnis, wenn ausgerechnet Museen – nicht nur das MoMA – sich immer mehr in Department Stores verwandeln, zum Verweilen einladen und zum Kunstkonsum mit Dinner, Kino und Kinderspielplatz zwischendrin. Kunst kommt nicht von Probieren. Das Kaufhaus schon.

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