Rettung des Filmerbes : Streifen in Dosen

Sichern und sichtbar machen: Die deutschen Archive wollen das Filmerbe ins digitale Zeitalter retten. Letztes Jahr wurde Alarm geschlagen, jetzt gibt es erste Entwarnungen. Aber das Geld reicht noch lange nicht.

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Einer von Hunderttausend. Erst wenige Prozent der deutschen Filmgeschichte sind digitalisiert, zum Beispiel Robert Wienes aufwändig restaurierter Expressionismus-Klassiker "Das Cabinet des Dr. Caligari", der am Wochenende bei den Berliner UFA-Filmnächten aufgeführt wird.
Einer von Hunderttausend. Erst wenige Prozent der deutschen Filmgeschichte sind digitalisiert, zum Beispiel Robert Wienes...Foto: Murnau-Stiftung

Sachen aufheben ist nicht leicht im digitalen Zeitalter, man kennt das. Liegen die Urlaubsfotos von 2010 immer noch unsortiert in der Cloud? Die im Internet gekaufte Musik, die Downloads auf der Festplatte, die Steuererklärungen, man müsste dringend mal wieder speichern und aufräumen im eigenen Datensalat.

Vor einer ungleich größeren Herausforderung stehen die Archivare von heute, besonders die Filmarchive, wegen der gigantischen Datenmengen. Seit der alarmistischen Petition im vergangenen Herbst, die 500 Millionen Euro für die Digitalisierung des deutschen Filmerbes forderte, um seinen „drohenden Untergang“ abzuwenden, hat sich herumgesprochen, dass die Digitalisierung des guten alten Zelluloids nicht die Lösung sämtlicher Probleme bedeutet.

Digitalisierung des Filmerbes
Szene aus „Faust“ von 1926 mit Gösta Ekman als Faust und Camilla Horn als Gretchen, im Hintergrund Emil Jannings als Mephisto.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: Imago
19.08.2014 12:15Die Digalisierung der Filmklassiker ist besonders aufwändig, da sie oft mit einer Restaurierung einhergeht. Im Rahmen der Berliner...

Vieles geht in der Diskussion durcheinander. Der akute Notstand in einem der Standorte des Bundesfilmarchivs in Berlin-Wilhelmshagen: Die wegen zersetzendem Naphtalin zerbröselnden, hochexplosiven Nitrocellulosefilme mussten 2013 nach Hoppegarten notverlagert werden. Der naive Glaube, das Zerbröseln sei nicht so schlimm, wenn das World Wide Web nur schnell genug Weltfilmbibliothek wird und die öffentliche Hand die Digitalisierung des gefährdeten Materials finanziert. Die Feier der Rettung und Restaurierung von Robert Wienes Expressionismus-Klassiker „Das Cabinet des Dr. Caligari“ auf der Berlinale (und demnächst bei den UFA-Filmnächten, siehe Kasten). Und gleichzeitig die Nachricht, dass 80 Prozent der Kleinode aus der Weimarer Republik unwiederbringlich verloren sind.

Monika Grütters sagt: Die Sicherung des Filmerbes hat hohe Priorität

Spricht man heute mit den obersten Filmschatzmeistern der Nation, den Verantwortlichen im Kinemathekenverbund (Bundesfilmarchiv, Deutsche Kinemathek in Berlin, Deutsches Filminstitut in Frankfurt/Main), bei der Defa-Stiftung oder der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Wiesbaden, hört man erste Seufzer der Erleichterung. Der Archiv-Notstand ist behoben, auch wenn ein zentrales Magazin auf sich warten lässt. Die Politik räumt der „Erhaltung und Zugänglichmachung des nationalen Filmerbes hohe Priorität“ ein, so Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Am 27. Mai lud sie zum „Runden Tisch Filmerbe“ und machte eine zusätzliche Million Euro locker. Und allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Rettung des Filmerbes nur zweigleisig funktionieren kann: mittels Sicherung, also sachgerechter Lagerung der analogen Originalnegative (8 Grad, 35 Prozent Luftfeuchtigkeit), und mittels Sichtbarmachung, sprich: der Bereitstellung digitaler Kopien.

Der Geschichtsparcour - hier im Berliner Film- und Fernsehmuseum der Deutschen Kinemathek am Potsdamer Platz - soll auch weiter begehbar bleiben. Dafür muss das Analogmaterial dauerhaft gesichert werden und außerdem in digitalen Kopien verfügbar sein.
Der Geschichtsparcour - hier im Berliner Film- und Fernsehmuseum der Deutschen Kinemathek am Potsdamer Platz - soll auch weiter...Foto: dpa

Filmgeschichte ist beides: chemisches Material und flackernde Bilder. Das eine existiert nicht ohne das andere. Filme im Internet, schimpft Martin Koerber, Archivleiter der Deutschen Kinemathek, das ist etwa so, wie wenn man eine Symphonie durchs Telefon hört oder eine Picasso-Postkarte besitzt und sich einbildet, es sei das Original. Umgekehrt nützt die bestens konservierte Filmrolle nichts, wenn sie sich nicht abspielen lässt.

Die unverwüstlichen (obendrein weltweit einheitlichen) Projektoren sind aus den Kinos verschwunden, also verschwindet auch die Filmgeschichte. Deshalb wird digitalisiert, soweit die Euros reichen. Von den Rechte-Inhabern, die bei der mit Branchengeldern finanzierten FFA 15 000 Euro pro Film beantragen können – eine Million Euro pro Jahr sind bereitgestellt, wobei eine Digitalisierung schon mal das Dreifache kosten kann. Und von der Kinemathek, dem Deutschen Filminstitut, der Defa- und der Murnau-Stiftung, die die Million vom Bund unter sich aufteilen.

Die wichtigsten deutschen Filme: Es gibt jetzt eine "500er-Liste"

Am Runden Tisch hat man sich auf Kriterien für Digitalisierungskandidaten geeinigt. Es gibt die laufend zu ergänzende „500er-Liste“ der wichtigsten Filme (online bei der FFA einzusehen), die vom Kinemathekenverbund mit unabhängigen Experten erstellt wird, drei Historikern und zwei Journalisten. Außerdem die üblichen Meriten wie Preise und Festivalteilnahmen sowie den Dreisatz von kommerziellen, konservatorischen und kuratorischen Kriterien. Digitalisiert wird auf Nachfrage, für Vorführungen, Retros, Jubiläen, Blu-Rays, DVDs. Zweitens in Fällen, wo Zersetzungsgefahr droht. Drittens aus kulturellen Gründen: Nicht nur Highlights sollen der Nachwelt erhalten bleiben, auch der „Schulmädchenreport“, "Der Theodor im Fußballtor" und Werbefilme gehören zur Nachkriegsgeschichte. Von vernachlässigten, wieder zu entdeckenden nichtkommerziellen Werken zu schweigen.

„Stupsi“ – eine der Textilfabrikarbeiterinnen in Volkers Koepps „Mädchen in Wittstock“-Reihe. Anlässlich des 70. Geburtstags von Koepp wurden die Filme digitalisiert und sind nun als DVD-Box beim Label Absolut Medien erhältlich.
„Stupsi“ – eine der Textilfabrikarbeiterinnen in Volkers Koepps „Mädchen in Wittstock“-Reihe. Anlässlich des 70. Geburtstags von...Foto: Absolut Medien

Derzeit digitalisiert die Deutsche Kinemathek Experimentelles von Werner Nekes, Dokumentarisches von Peter Nestler, Filme der kürzlich verstorbenen Helma Sanders-Brahms, Ula Stöckls Emanzipations-Klassiker "9 Leben hat die Katze" oder Helga Reidemeisters "Von wegen Schicksal". Das Deutsche Filminstitut hat Tonbilder aus der Zeit des Ersten Weltkriegs digitalisiert und Kurzfilme von Romuald Karmakar. Die Murnau-Stiftung wandelte bislang rund drei Dutzend Filme um, zuletzt etwa „Der müde Tod“ von Fritz Lang oder Lubitschs „Bergkatze“. Wobei die Sicherung der Stummfilm- und frühen Tonfilm-Klassiker oft mit aufwendiger Restaurierung einhergeht. Die kostet extra. Die Murnau-Stiftung ist deshalb auf Mitstreiter angewiesen. Bei Wienes „Caligari“, der mit Originalmaterial aus der ganzen Welt wiederhergestellt wurde, war Bertelsmann als Hauptsponsor dabei.

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