Kultur : Rettung eines Kätzchens

Triefender Patriotismus: Oliver Stones „World Trade Center“ startet im US-Kino

Matthias B. Krause

Für seinen Film „World Trade Center“ hat Regisseur Oliver Stone sich ganz dicht heranbegeben an sein Objekt. Das Epos erzählt die wahre Geschichte der beiden New Yorker Polizisten John McLoughlin (Nicolas Cage) und Will Jimeno (Michael Pena), die am 11. September 2001 nach Lower Manhattan hinuntereilten, um Menschen aus den brennenden Türmen zu retten. Doch sie kommen nicht weit, nur bis zur Unterführung, die die beiden Wolkenkratzer verband. Dann sackt der erste Turm in sich zusammen und begräbt sie lebendig. Kaum noch am Leben, finden Rettungsmannschaften sie und ziehen sie aus den Trümmern. 22 Stunden lag McLoughlin schwer verletzt dort unten, ehe er geborgen wurde. Sie finden noch einen weiteren Überlebenden, 2749 starben.

„World Trade Center“ ist der zweite große, von Hollywood finanzierte Film zu den Terroranschlägen nach Peter Greengrass’ „United 93“. Beide bemühen sich um Detailtreue, beide konzentrieren sich auf das Menschliche. Stone selbst beschreibt sein Werk als Heldengeschichte nach dem Vorbild griechischer Tragödien, und die meisten amerikanischen Kritiker verstehen das auch so. Kaum anders das Publikum, zumindest in New York, das sich noch einmal durch die emotionalen Turbulenzen dieses Tages führen lässt, die bis heute kaum verblasst sind. Wechselweise schildert Stone die missliche Lage der Männer, die versuchen, sich gegenseitig am Leben zu erhalten, und das bange Warten ihrer Ehefrauen auf Nachrichten.

Doch genau genommen sind McLoughlin und Jimero gar keine Helden. Die beiden Polizisten finden sich schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort wieder. Wie ihre über 300 Kollegen, die an diesem Tag sterben. Und wie die anderen, die einfach nur ihrer Arbeit nachgingen. Dass die Katastrophenpläne der Stadt einen solchen Anschlag nicht vorhersahen, dass die technische Ausrüstung der Polizisten und Feuerwehrleute so schlecht war, dass sie nicht miteinander kommunizieren konnten – all das bleibt in Stones Film eine Fußnote.

Und das ist auch schon das Kontroverseste, was er zu bieten hat. Er zoomt sich so dicht an die Geschichte von Drehbuchautorin Andrea Berloff heran, dass jede Dimension verloren geht. Es gibt kein Davor und kein Danach, keine Fragen nach den Ursachen, keine Folgen. Dabei besagen aktuelle Umfragen, dass kein zweites Ereignis die amerikanische Gesellschaft so sehr gespalten hat wie der 11. September, weder Pearl Habour noch Vietnam. Wenn es überhaupt einen Helden in diesem Film gibt, dann ist das der Finanzjongleur Dave Karnes (Michael Shannon), der angesichts der Fernsehbilder aus Lower Manhattan sein gemütliches Leben im reichen Connecticut aufgibt, sich einen Militärhaarschnitt verpassen lässt, die alte Uniform der Marines anzieht und mit seinem Porsche zur Unglücksstelle rast. Dort sucht er so lange, bis er die beiden Vermissten findet. Er ist auch der Einzige, der in Stones Film einen halbwegs politischen Satz sagen darf: „Amerika braucht gute Männer, um das hier zu rächen.“ Im Abspann erfährt der Zuschauer, dass Karnes sich danach wieder bei den Marines verpflichtete, die ihn zweimal zum aktiven Dienst in den Irak schickten. Das mögen die Fakten sein; so dargestellt aber, fördern sie den in den USA ohnehin weit verbreiteten und von der Bush-Regierung sorgsam geschürten Irrglauben, Iraks ehemaliger Diktator Saddam Hussein habe etwas mit den Anschlägen zu tun gehabt.

Kurz nach dem 11. September befragt, was für Filme er jetzt machen wolle, hatte der bis heute als notorischer Querulant geltende Stone noch gesagt: „Einen, der strukturiert ist wie eine Jagd, die zeigen sollte, wie Terrorismus funktioniert. Von beiden Seiten, der arabischen und der amerikanischen.“ Stones „World Trade Center“, für 65 Millionen Dollar gedreht, könnte kaum weiter von dieser Idee entfernt sein (für die der Regisseur damals heftigst von den Konservativen beschimpft wurde). Heute klatschen sie ihm für sein vor Patriotismus nur so triefendes Opus Beifall. Mit der gleichen handwerklichen Makellosigkeit und aus derselben Perspektive hätte Stone auch von einem Grubenunglück erzählen können. Oder von der Rettung eines Kätzchens, das in einen Brunnen fiel, wie das „Time Magazine“ spitz bemerkte.

4,5 Millionen Dollar spielte „World Trade Center“ am ersten Tag ein, 3,5 Millionen Dollar am zweiten. Damit kommen die Hollywood-Produzenten wahrscheinlich auf ihre Kosten. Vor allem Jugendliche haben offenbar ein überraschend großes Interesse an dem Film. Danach warb Hollywood unter anderem mit dem Slogan: „Jede Generation hat einen Wendepunkt. Dieses war unserer.“ Dabei wurde mit „World Trade Center“ nicht einmal der Versuch unternommen, das Ereignis im Koordinatensystem der Geschichte zu verorten. Diese Aufgabe bleibt weiterhin unerledigt. In Deutschland startet der Film am 28. September.

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