Kultur : Rettung ist Schuld - Dzevad Karahasan beschwört Liebe und Tod in Sarajevo

Jörg Plath

In Gefahr und höchster Not bringt die Rettung unter Umständen den Tod. Um den Kugeln der Scharfschützen zu entgehen, müssen die Bewohner von Sarajevo auf demütigende Weise Zickzack laufen. Noch würdeloser aber erscheint es einigen, aus der belagerten Stadt zu fliehen. Denn die Flucht kann nur unter dem Schutz ethnischer Säuberer stattfinden: Wer vor der Gewalt flieht, beugt sich der Gewalt.

D"zevad Karahasan erzählt in "Sara und Serafina" auf weniger als 200 Seiten von einer existenziellen Wahl und einem moralischen Drama - und das auf leichte und faszinierend warmherzige Weise. Eine Zagreberin will ihre Schwester Serafina und deren Tochter Antonija aus Sarajevo retten. Doch Serafina weigert sich zu gehen, und ihre Tochter soll nur mit dem moslemischen Geliebten fliehen. Der kroatische Verbindungsmann schmuggelt jedoch nur Christen aus der Stadt. Als das gefälschte Taufzeugnis für den Moslem nicht rechtzeitig fertig wird, geht Antonija ohne ihn.

Der Versuchung, sich aus der Schusslinie zu bringen, gibt außer ihr nur ein um seine Doktorarbeit bangender Assistent sofort nach. Die übrigen zaudern, und Karahasan, der Sarajevo nach langem Zögern 1993 verließ, um in Österreich und Deutschland Schutz zu suchen, entfaltet in aberwitzigen Dialogen mühelos sämtliche denkbaren und noch einige undenkbare Einwände gegen die Flucht: Ein Pater, der die lebensrettenden Taufscheine ausstellen soll, verdammt die Sünde der Täuschung. Der kroatische Menschenschmuggler singt das Hohelied der Freundschaft, die zwar dem serbischen Gegner, nicht aber den "unnormalen" Moslems gilt. Serafina erzählt, sie sei zweimal als Kind aus Todesgefahr gerettet worden und lehnt Flucht rundweg ab. Überleben ist nicht alles, wenn es den Verlust der Lieben, der Freunde, der vertrauten Stadt und der eigenen Identität bedeutet.

Kollaboration mit der Macht

Antonijas moslemischer Freund Kenan etwa will sich zwar falscher christlicher Papiere bedienen, um draußen in der Welt das Arbeiten nicht zu verlernen. Aber Antonija darf sie nicht sehen. Um seines Eheglückes willen möchte er vor seiner künftigen Frau nicht einen Augenblick ein anderer sein.

Unverkennbar ist Kenan Bürger eines Sarajevo, das Karahasan im "Tagebuch der Aussiedlung" (Wieser Verlag 1993) als ein "dramatisches Kultursystem" bezeichnet hat. In ihm bestehe jedes Element aus zwei Teilen, die sich gegenseitig definierten, kommentierten und kontrastierten, ohne dass eine das andere wie im monistischen Europa verschlinge. Der Andere sei in Sarajevo kein maskiertes Ich, sondern existiere und bestätige die eigene Identität.

Die in dramatischer Spannung zueinander stehenden Elemente führt Karahasan auf die vier Religionen Sarajevos zurück: Islam, Katholizismus, Orthodoxie und Judentum. Serafina wählt die jüdische Identität, sie will nur noch Sara sein. 1942 hatte sich Serafina aus Solidarität mit ihrer jüdischen Freundin als Sara ausgegeben und saß schon neben dieser auf dem Lastwagen, der sie deportieren sollte, als ihre Schwester sie mit Hilfe eines angesehenen Onkels rettete. Seitdem ist für die Christin jedwede Rettung mit Schuldgefühlen verbunden und verdankt sich der Kollaboration mit der Macht.

Damit ist die ganze Bandbreite der Haltungen zur Flucht abgeschritten. Zwischen der verstört fundamentalistischen Serafina/Sara und dem forsch optimistischen Assistenten, zwischen der vor Angst haltlosen Antonija und ihrem kühlen Kenan, der nur seine Freundin nicht täuschen will, lässt Karahasan seinen Erzähler hin- und herpendeln. Fast alle Haltungen kann er nachvollziehen, nur die ihm genannten Gründe versteht er nicht. Doch mit seinem Bemühen um Verständnis und der hingebungsvollen Pflege schwieriger Freundschaften vervollständigt er die Dualität Sarajevos.

Der Eindruck, das federnd leichte Buch strahle Wärme aus, verdankt sich diesem sehnsüchtigen, von Fremdheit nicht erschütterten Hingezogensein zu Menschen. Ihren Auffassungen gibt die Erzählerstimme weiten Raum, und so ist die Ich-Erzählung "Sara und Serafina" Karahasans vielstimmigem Montageroman "Scharijars Ring" (deutsch 1998) gar nicht so fern.

Die Hingabe an das Individuum, das Einzelne, ist unaufdringlich eingebettet ins Allgemeine. "Sara und Serafina" firmiert als Roman. Im Zentrum steht jedoch mit dem Tod Saras das Ereignis einer Novelle, welches auf dramatische Weise, nämlich in der Konfrontation gegensätzlicher Auffassungen, vorbereitet wird. Die klassischen fünf Dramenakte werden durch zwei vorgeschobene Kapitel und einen Epilog kaschiert, die wie hingetuscht von der Freundschaft, von Erinnern und Vergessen, vom Leben als Verstricktsein in Macht und Institutionen erzählen.

Sie umgeben die Fluchtmöglichkeit mit einem weiten Echoraum. Sarajevo evoziert Karahasan als Ort von unauslotbaren Bezügen, als vollständige Immanenz der Transzendenz. Auf Sarajevo als zweites Jerusalem verweisen auch die Namen: Serafina erinnert an die Seraphim des Alten Testaments, die engelsgleich Jahve umschweben; Sara ist die Stammmutter der Juden und zugleich ein Wortteil von Sarajevo. Die Hauptperson ist eine Allegorie der Stadt.

Nachdem die fliehende Antonija der Versuchung der Welt erlegen ist, der der Heilige Antonius einst widerstand, stirbt Sara/Serafina und mit ihr die Stadt. Belagerung und Flucht treiben den Geist des zweiten Jerusalems aus. "Sara und Serafina" beschwört den Augenblick seines Abschieds im Spiegel einer kleinen Geschichte. Noch der von ihr bewahrte Abglanz ist wunderbar.Dzevad Karahasan: Sara und Serafina. Roman. Deutsch von Barbara Antkowiak. Rowohlt Berlin, Berlin 2000. 194 Seiten, 29,80 DM.

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