Kultur : Revolte im Puppenhaus

Louise Lecavalier, Ann Liv Young und Mark Tompkins beim Berliner „Tanz im August“

Sandra Luzina

Böse Mädchen und wilde Jungs betreten die Bühne am ersten Wochenende von „Tanz im August“. Ann Liv Young samt Gespielin demoliert lustvoll ihr rosa Mädchenzimmer, Mark Tompkins und seine Fetisch-Boy-Group führen direkt in den „Fight Club“. Zunächst war aber eine Art Comeback zu feiern. Louise Lecavalier war 20 Jahre lang die schillernde Ikone von LaLaLa Human Step. Der tanzende Superstar trat bei Konzerten von David Bowie und Frank Zappa auf. Mit ihren rasanten Sprungkünsten, ihren wilden Eruptionen von Energie, ihrer androgynen Gestalt war sie die Vorreiterin einer neuen Bewegung – mit Verve sauste sie über hergebrachte Rollenklischees hinweg. Nach einer Verletzungspause hat die Kanadierin dem riskanten Hochleistungstanz abgeschworen.

Als tolle Interpretin und – immer noch – außergewöhnliche Tänzerin konnte man sie nun in einem ansonsten schwachen Programm im Podewil bewundern. Tanzte sie früher wie auf Speed, so hat Benoît Lachambre sie nun augenscheinlich auf Valium gesetzt. Der kanadische Choreograf wollte wohl, dass Louise aussieht wie er selbst. Vermummt in dunklen Joggingklamotten, bewegt sie sich in in extremer slow motion. Verhuscht der Tanz, so labberig wie eine ausgeleierte Trainingshose. Keine Richtung, keine Form und kein Wille. Hier kommt nicht etwa der zu sich selbst befreite Körper zum Vorschein. In seiner Anti-Ästhetik ist „I is Memory“ ein alter Hut. „Lone Epic“ von Crystal Pite ist ein Vexierspiel über Identität und weibliches Begehren. Die Buchstaben auf Notenständern fügen sich zu dem Satz: „What does she really want?“ Wunderbar der Moment, wo Lecavalier die Brille absetzt, ihr Haar löst und einen tranceartigen Tanz beginnt – auf den Spuren des Unbewussten.

Die Performances von Ann Liv Young sind provokant, schamlos und sehr lustig. Die in New York lebende Künstlerin war sogar schon im Knast, weil sie mit ihren Freundinnen nackt demonstriert hat. Auch auf der Bühne agiert sie meist unbekleidet. Weibliche Körper werden in grellem Licht ausgestellt. „Solo“, eigentlich ein Trio, ist eine Revolte im Puppenhaus. Ann Liv und Liz Santoro mit Reiterkappen blasen Luftballons auf, Michael Guerrero lutscht ein Erbeereis – ein herrliches Bild der versauten Unschuld. Ann Liv brüllt die Kommandos, wenn das Karaokesingen beginnt. Die Girls lassen ihre Brüste hüpfen und rotzen „I’m on fire“ von Bruce Springsteen ins Mikro. „Solo“ bewegt sich zwischen Strip-Club, Cheerleader-Albtraum und Punk-Konzert – eine wüste Attacke auf die amerikanische Gesellschaft und ein hinterhältiges Spiel mit dem Voyeurismus. Die Zuschauer können sich selbst in einem großen Spiegel beobachten.

Mark Tompkins’ Männerdressur in „Animal“ kippt in eine aufgetakelte Schwulen-Revue um, wenn Kämpfer in Fetisch-Outfit über die Bühne der Sophiensäle paradieren. Die Tänzer haben Wrestling studiert und liefern sich ulkige Schaukämpfe – die zum Schluss (homo-)erotisch konnotiert sind. „Make love not war?“ Tompkins’ Studie über männliche Aggressivität läuft ins Leere.

„Animal“ noch einmal heute, 20 Uhr, in den Sophiensälen.

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