Revolte in der arabischen Welt : Rückkehr in die Weltgemeinde

Arabische Intellektuelle blicken auf Nordafrika: Während der analytische westliche Geist alles gleich festzurren möchte, freut sich der libysche Autor und Architekt Hisham Matar über den offenen Ausgang.

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Warum ist die Revolte in der arabischen Welt gerade jetzt ausgebrochen? Wie geht es in Ägypten oder Libyen weiter? Genaue Antworten darauf hat keiner der arabischen Schriftsteller, Künstler und Experten, die am Sonntagmittag im Berliner Haus der Kulturen der Welt über die „Wende in der arabischen Welt“ diskutieren. Während der analytische westliche Geist alles gleich festzurren möchte, freut sich der libysche Autor und Architekt Hisham Matar über den offenen Ausgang: „Großartig, dass wir nicht wissen, was als Nächstes in Libyen passieren wird“, meint der 40-Jährige, der in Tripolis aufwuchs und in London lebt. „Es ist eine Einladung an alle Libyer zur Reife.“ Bisher sei vorgegeben gewesen, wann sie schlafen, aufstehen und was sie denken sollen.

Matar ist optimistisch. Er glaubt, dass es den Libyern bald gelingen wird, sich vollständig vom Joch des Gaddafi-Regimes zu befreien. Er sieht keine Zweiteilung des Landes zwischen rebellischem Osten und regimetreuem Westen: „Tripolis hat 2,5 Millionen Einwohner, bei den Pro-Gaddafi- Demonstrationen sind aber nie mehr als 300 Menschen zu sehen“, lautet sein Argument. Die Militärintervention der Vereinten Nationen, die eine Flugverbotszone über das nordafrikanische Land verhängt haben, begrüßt der libysche Autor. Es schützt die Zivilbevölkerung – und es hat psychologische Wirkung: „Erstmals seit 50 Jahren fühlen sich die Libyer durch das internationale Engagement wieder als Teil der Weltgemeinschaft.“

"Gut, dass wir nicht wissen, was als Nächstes in Libyen passiert"

Während sich für Matar der Graben zwischen arabischen Ländern und dem Rest der Welt gerade schließt, fallen dem ägyptischen Romancier Khaled al-Khamissi die Unterschiede in der Wahrnehmung auf. Westliche TV-Sender hätten die Volksrevolution in Ägypten auf eine „Stadtrevolution“ junger Leute auf dem Kairoer Tahrir-Platz reduziert, sagt der Autor des Gesprächsbands „Im Taxi. Unterwegs in Kairo“. Dabei seien die meisten Demonstranten in entlegenen Wohnvierteln gestorben, die Proteste hätten ihren Ausgang in Kleinstädten genommen.

Dass amerikanische Neo-Konservative sich damit brüsten, der Sturz Saddam Husseins durch die US-Armee habe die Menschen ermutigt, Demokratie einzufordern, hält Khamissi für eine Erniedrigung der gesamten arabischen Welt. Die Wut auf Amerika-hörige Regime wie das von Hosni Mubarak habe dies nur gesteigert.

Die Wahrnehmungsunterschiede bestehen auch innerhalb arabischer Gesellschaften. Als Khamissi Europa vorwirft, es stelle die Unterdrückung der arabischen Frauen übertrieben dar, widerspricht die junge ägyptische Produzentin Aida Eltorie: „Ich werde täglich auf der Straße in Kairo sexuell belästigt und angegrabbelt, mit Ausnahme der Revolutionstage. Von einer Gleichstellung der Frauen sind wir weit entfernt.“

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