Kultur : Revolution am Pult

Auf den Spuren des Transrapid: Mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern in Ostasien

Frederik Hanssen

Am 31. Oktober 1979 wäre es fast zu einem Eklat zwischen der Bundesrepublik Deutschland und China gekommen. Im Rahmen eines Peking-Gastspiels der Berliner Philharmoniker ist ein Treffen von Herbert von Karajan mit Deng Xiaoping geplant. Der Maestro allerdings sieht es überhaupt nicht ein, dass der Chinese für das Protokoll der Ranghöhere ist – und nicht umgekehrt. Erst nach langwierigen delikaten Verhandlungen lässt sich der Superstar der Dirigenten dazu herab, dem Parteioberen nach den Regeln internationaler Diplomatie gegenüberzutreten. Die Auftritte der Berliner Musiker in einer notdürftig zum Konzertsaal umfunktionierten Sporthalle werden ein Riesenerfolg. Alle Zuhörer tragen blaue Mao- Anzüge. Erst drei Jahre liegt das offizielle Ende der kommunistischen Kulturrevolution zurück.

Beim zweiten China-Besuch der Philharmoniker in diesen Tagen sind beide nicht wiederzuerkennen, weder das Orchester noch das Land. Als die Stadtregierung von Schanghai 1990 beschloss, den Stadtteil Pudong zum Manhattan Asiens zu machen, standen hier nur verstreute Arbeiterhütten zwischen Reisfeldern. Jetzt verbindet der erste realisierte Transrapid den neuen Flughafen mit dem künftigen Finanzzentrum der östlichen Hemisphäre. Seit Juli gibt es hier inmitten der protzigen Spekulantenobjekte auch ein Kulturzentrum, erbaut vom französischen Architekten Paul Andreu; ein imposanter Glas-Stahl-Komplex, der aus der Luft wie eine Orchideenblüte aussieht. 40000 Quadratmeter umbaute Fläche bieten Platz für ein Opernhaus, einen Konzertsaal und eine Ausstellungshalle, auf dem Dach sind 880 Scheinwerfer installiert, die je nach Stimmung ihre Farbe wechseln.

Mit jenen Berliner Philharmonikern, die vor 26 Jahren ins Reich der Mitte reisten, hat das heutige Orchester kaum mehr gemein als den Namen. Karajan herrschte mit absolutistischer Attitüde. Wer nicht für ihn war, konnte nur gegen ihn sein. Simon Rattle, sein Nachnachfolger, kennt einen dritten Weg: Er lädt jedermann ein, mit ihm zu sein. Alle orchesterinternen Entscheidungen fallen basisdemokratisch, der Klang ist transparenter geworden, das Repertoire hat sich erheblich geweitet. Karajan war das Wirtschaftswunder der Philharmoniker, hat das Ensemble zum weltweit gefragten Premiumprodukt gemacht. Wenn sich die Truppe im November 2005 auf den Weg nach Asien macht, zu zwölf Konzerten an 21 Tagen in Peking und Hongkong, Schanghai, Taipeh, Seoul und Tokio, geht es nicht um neue Absatzmärkte: Mit CDs sind längst keine Reichtümer mehr zu verdienen. „Überall bekannt zu sein und überall geliebt zu werden“, so umschreibt Cellist und Orchestervorstand Jan Diesselhorst die philharmonische Motivation.

Wenn sich die Musiker in den Eröffnungssatz von Beethovens Eroica stürzen, hört man in Schanghai plötzlich den Puls der Stadt schlagen, unendlich kraftgeladen, ungeduldig vorwärts stürmend, bereit, alle Formen zu sprengen. Hier steht das höchste Hotel der Welt: 420 Meter reckt es sich gen Himmel. Das scheint die ideale Fallhöhe für den anschließenden Trauermarsch zu sein. Mit unerbittlicher barocker Strenge modelliert Rattle das memento mori: Was immer ihr schafft, bedenkt, ihr seid sterblich. Das geht durch und durch. Tags darauf gibt der Philharmoniker-Chefdirigent einen Interpretationskurs für ein Studentenorchester. Von den 367 Millionen Chinesen unter 18 Jahren lernen 80 Millionen ein Musikinstrument. Die Besten schaffen es an die Musikhochschule von Schanghai. Und dennoch ist es für Rattle ein hartes Stück Arbeit, aus den handwerklich blitzsauber gespielten Noten Beethovens Geist herauszukitzeln. „Shock me, please!“, ruft er den vor Lampenfieber und Ehrfurcht Zitternden zu und schiebt den Dolmetscher beiseite. Was er von den Nachwuchskünstlern will, braucht keine Worte. Nicht als Konkurrenten sollen die Musiker ihre Mitspieler verstehen, sondern als Freunde, als Familie. Auch sollen sie sich dem Maestro nicht unterordnen, sondern seine Anregungen mit ihrem Körper, mit ihrem Herzen nachvollziehen. Charakterbildung für eine Generation auf der exemplarischen Suche nach sich selbst.

Rattles Konzerte mit den Berliner Philharmonikern live zu erleben, bleibt für diese Studenten vorerst ein Traum: Die Tickets kosten bis zu 4000 Yuan, was dem Monatslohn eines chinesischen Angestellten entspricht. Doch auch diejenigen, die sich eine Karte leisten können, demonstrieren nicht nur ihren sozialen Aufstieg, sondern zeigen sich höchst begeisterungsfähig. Nach Richard Strauss’ „Heldenleben“, von den Philharmonikern mit unnachahmlicher Lockerheit als hochvirtuose, halbironische Shownummer dargeboten, brodelt der Saal.

Der Hunger nach westlicher Kultur ist auch im kapitalistischen Seoul riesengroß – nur sind die Fans hier technisch besser ausgestattet: Beim Foyerempfang fürs Orchester drängen sich die Fans an der Absperrung, um mit der Handykamera Sir Simon abzulichten. Das Orchester wird gefeiert wie eine Boygroup. Den Abend selber erlebt man jedoch ganz anders als in Schanghai. Wo in der chinesischen Metropole noch alles im Fluss ist, scheint in der südkoreanischen Hauptstadt bereits vieles betoniert. Da kann der Konzertsaal schon zum Fluchtort werden, wird der sommersonnig leuchtende Streicherklang in Berlioz’ „Corsaire“-Ouvertüre als reine Wohltat empfunden.

Vom Repertoire her setzt Rattle klare ästhetische Akzente: mit Joseph Haydn und Französischem. Außerdem besteht er darauf, in jeder der sechs Gastspielstädte Thomas Adès 1998 komponiertes „Asyla“ vorzustellen. Zum Meisterstück des programmatischen Mutes aber wird die Zugabe nach Beethovens „Eroica“: Jean Sibelius’ „Szene mit Kranichen“, eine introvertierte Pianissimo-Rarität, Anti-Jubel-Statement und Verbeugung vor dem asiatischen Symbolvogel zugleich.

1979 hatte Philharmoniker-Intendant Peter Girth ein Gastspiel des Orchesters in Südkorea noch mit den Worten ausgeschlossen: „Wir werden uns nicht für die Restaurierung der Kulturfassaden diktatorisch regierter Länder missbrauchen lassen“. Fünf Jahre später war das Militär immer noch an der Macht, und dennoch reiste der 76-jährige Karajan 1984 mit seinen Musikern nach Seoul. Von diplomatischen Zwischenfällen ist nichts weiter bekannt.

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