Kultur : Revolution an der Kuchentheke

Michael Zajonz

Als der dänische Architekt Arne Jacobsen Le Corbusiers 1955 geweihte Wallfahrtskapelle bei Ronchamp besuchte, schrieb er in einem schwachen Moment an die Familie: "Das ist wahre Architektur. Nicht der Mist, den man selbst so macht."

Obgleich dieser - übrigens nie abgeschickte - Stoßseufzer alles andere als ungetrübte Bescheidenheit dokumentiert, schwingt doch Hellsichtigkeit mit: Dem bedeutendsten dänischen Modernisten sollte ein vergleichbarer Jahrhundertwurf versagt bleiben. Mies van der Rohe, Le Corbusier und Frank Lloyd Wright, dem etwa eine Generation älteren Dreigestirn moderner Architektur, blickte Jacobsen schon biografisch stets hinterher. In der Phalanx der Nachfolgenen marschiert der 1902 in Kopenhagen geborene Kaufmannssohn dank eines qualitativ wie quantitativ herausragenden Werks zweifellos in erster Reihe.

Aus Jacobsen ist über die Jahre gleichwohl ein "Architekt für Architekten" geworden. Ganz anders der Designer. Mit dem 1952 für eine Kantine entwickelten Stapelstuhl "Myren" (Ameise) und dem wenig später entstandenen Modell 3107 (von Fans liebevoll als "Siebener" bezeichnet) schuf Jacobsen Ikone und Bestseller des skandinavischen Designs. Sechs Millionen Exemplare wurden seither von der Firma Fritz Hansen aus grazilem Stahlrohr und über Wasserdampf gebogenem Schichtholz zusammengesetzt - unzählige Kopien nicht eingerechnet. Ihre femininen Rundungen veredeln weltweit Wohnungen, Vortragssäle und Behördenflure. Der Name des Urhebers dürfte indes in den seltensten Fällen präsent sein.

In Dänemark ist der 1971 verstorbene "AJ" gewissermaßen weltberühmt. Als libidinös bis neurotisch charakterisieren Kenner das Verhältnis seiner Landsleute zu Jacobsens nordisch wohltemperiertem, formal stets international orientiertem Chic. Fixierung auf Konsens und Qualität; nachgerade eine Obsession, die Uffe Andreasen, Gesandter Botschaftsrat an der Dänischen Botschaft in Berlin, in der kollektiven "Gesamtlösung für ausgebildete Dänen" erkennen möchte: In nahezu jedem bürgerlichen Haushalt fänden sich neben Lampen von Poul Henningsen eben auch die Stühle und Sessel von Arne Jacobsen - weil sie so modern und unverwüstlich seien.

Sein 100. Geburtstag ist unseren nördlichen Nachbarn Anlass zu einer Folge mehrerer großer Ausstellungen, die nicht nur der ästhetischen Bewältigung des verlorenen Goldenen Zeitalters, sondern auch dem Blick auf aktuelles Design dienen sollen.

So wird Robert Wilson in Jacobsens 1935 errichtetem Sommertheater "Bellevue" bei Kopenhagen, das trotz Umbauten unverändert den Charme einer überdimensionierten funktionalistischen Gartenlaube verströmt, ein Stück über den Architekten und seinen bevorzugten Bauplatz inszenieren. Bellevue, die über Jahre gewachsene "weiße Stadt am Öresund", gleicht mit Strandbad, Theater, Reithalle und mondänen Apartments einem Jacobsen-Freilichtmuseum der frühen Jahre.

Schon weht eine frische Jacobsen-Brise nach Deutschland herüber. Das scheint nötig, hat der Meister unter dem mittlerweile angestaubten Banner der internationalen Spätmoderne hierzulande doch einige spiegelglatte Verwaltungspaläste und Vergnügungsplätze, wie das transluzide Foyergebäude des Schlossparks Herrerhausen in Hannover (1964/65), hinterlassen. Die Retrospektive des Louisiana-Museums und des Dänischen Architekturinstituts, die am 30. August in Humlebaek eröffnet wird, soll 2003 in Hamburg gastieren. Die deutschsprachige Ausgabe der monumentalen Jacobsen-Monographie von Carsten Thau und Kjeld Vindum - in ihrer Gliederung und kritisch-ironischen Darstellung das Musterbeispiel eines intelligenten Architekturbuches - wurde dieser Tage in Berlin vorgestellt.

Lediglich hiesige Design-Institute, gleichviel, ob musealer oder kommerzieller Natur, schlafen noch. Immerhin eröffnet heute Abend Botschafter Gunnar Ortmann eine vom Dänischen Design-Zentrum sowie dem dortigen Architekturinstitut erarbeitete Wanderausstellung in Berlin. Neben Design-Beispielen wird eine Auswahl der Bauten aus vier Jahrzehnten präsentiert.

Arne Jacobsen taugt weder zum Romantiker noch zum modernen Stararchitekten. Dem persönlichen Auftritt dieses akademisch gemäßigten Avantgardisten fehlte jeder Zug genialischer Selbstüberschätzung, der gelegentlich im Totalitätsanspruch des Werks aufblitzt. Seiner Schwäche für Zuckerbäckerei und Spitzendeckchen frönte er nie am Zeichentisch, sondern bei täglichen Konditoreibesuchen. Die Gäste des legendären, unlägst restaurierten Kopenhagener SAS-Hotels (1955/60) spachtelten ihren Kuchen natürlich mit einem futuristischen AJ-Besteck.

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