Kultur : Revolution im Bordell

Steffen Richter

reist nach Lateinamerika Offen gestanden, bis vor einem Jahr kannte ich diesen Argentinier nicht einmal. Dann fiel mir die Novelle „Humboldts Schatten“ in die Hände. Eine sehr gute Geschichte über einen deutschen Landschaftsmaler. Ein junges Talent? Die Entdeckerbrust schwillt. Ernüchterung folgt: Der Mann ist 56 und hat schon mehr als 30 Bücher geschrieben. Hm.

César Aira ist Romancier, Übersetzer, Herausgeber und eine der wichtigsten literarischen Stimmen in Argentinien. Nur bei uns hatte er bisher Pech. Wahrscheinlich, weil er in den Achtzigerjahren produktiv war – just als der hiesige Lateinamerika-Boom mit García Márquez, Cortázar und all den anderen gerade abflaute. Vor vier Jahren erschien bereits ein Aira-Roman auf Deutsch – nur hat es fast niemand bemerkt. Im letzten Herbst versuchte man es dann erfolgreicher mit besagter Novelle. Und nun erscheint „Die Mestizin“ (wieder bei Nagel & Kimche).

Damit wir uns recht verstehen: Diese Bücher kann man kaum in der U-Bahn lesen. In „Die Mestizin“ geht es um eine junge Frau, die Mitte des 19. Jahrhunderts als Gefangene von Buenos Aires in den argentinischen Süden gebracht wird. Dieser Süden ist ein Grenzland, in dem Barbarei und Zivilisation zusammenfallen. Indianer-Häuptlinge philosophieren, ein Oberst druckt Geld, nur um es zirkulieren zu lassen. Er experimentiere, hat Aira gerade der Zeitung „Clarín“ erklärt, wie ein Kind, das Chemiker spielt: Mischen und schauen, was passiert. Wie dabei sämtliche Register durcheinander rütteln und das unerklärliche Patagonien in seinen Paradoxen leuchtet – das erinnert an Airas Landsmann Jorge Luis Borges. César Aira liest am 28.10. im LCB (Am Sandwerder 5, Wannsee um 20 Uhr).

Da wir gerade bei Argentinien sind: Das Festival „Buenos Aires – Berlin“ endet diese Woche. Heute informiert ein Literarisches Terzett im Ibero-Amerikanischen Institut (Potsdamer Str. 37, Simón-Bolívar-Saal, 19 Uhr) über die argentinische Literaturszene unter den Bedingungen der politischen und ökonomischen Desaster der letzten Jahre. Dieter Ingenschay, Rike Bolte und Peter B. Schumann sprechen über neue Romane von Tomás Eloy Martínez, Ricardo Piglia, Pablo de Santis und Elsa Osorio. Am 30.10. läuft am selben Ort bei einer argentinischen Filmnacht (ab 18.30) Leopoldo Torre Nilssons Klassiker „Die sieben Irren“ (OmE). Der Film, der 1973 einen Silbernen Bären gewann, erzählt nach einem Roman von Roberto Arlt, wie man die Revolution finanziert – etwa indem man Bordelle eröffnet.

Über die Revolution dürfte sich auch der Nobelpreisträger José Saramago Gedanken gemacht haben, kürzlich bei der Europawahl Kandidat der portugiesischen KP. Wenn er am 27.10. ins Instituto Cervantes seinen Roman „Der Doppelgänger“ (Rowohlt) vorstellt (19.30 Uhr), geht es um die iberische Identität. Übrigens: Einen Nobelpreis traut der große Mexikaner Carlos Fuentes auch César Aira zu.

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