Kultur : Revolution klingt anders

Die Kaiser Chiefs im Berliner Postbahnhof

Daniel Völzke

Aufruhr, jetzt! Es braucht: einen eingängigen Riff, einen treibenden Bass, eine Melodie, die auch als Stadionhymne taugen könnte. Ricky Wilson, Chef der Kaiser Chiefs, stürmt auf die Bühne des Columbiaclubs und singt: „Nananaaa, Nananaaa!“ Das ist zumindest ein Anfang, und so steuert der Song zielstrebig auf den großartig-schwachsinnigen Refrain zu, den die Band aus Leeds ihren Zuschauern immer entgegenschleudert: „Ruby, Ruby, Ruby, Ruby / Do you, do you, do you, do you?“

2007 ist das Jahr, in dem die zahlreichen britischen Indierock-Newcomer ihr zweites Album vorlegen. Nach Bloc Partys vertracktem „Weekend In The City“ letzte Woche folgen Alben von Maxïmo Park und den Arctic Monkeys. Unsicherheit macht sich breit in der hitzigen englischen Musikpresse, die sich unter dem Schlagwort „New Rave“ wieder für elektronische Musik interessiert: Wie lange schlägt britischer Rock noch Wellen?

Den Kaiser Chiefs, neben Franz Ferdinand und Bloc Party die erfolgreichste britische Rockband des Jahrzehnts, scheint die Aufregung nicht zu kümmern. Sie machen mit ihrem zweiten Album „Yours Truly, Angry Mob“, das am 23. Februar bei Universal erscheint, und der kolossalen Vorabsingle „Ruby“ da weiter, wo sie mit ihrem Erstling „Employment“ aufgehört haben. Das jedenfalls beweist das kleine exklusive Konzert im Columbiaclub. Die neuen Stücke fügen sich nahtlos ins bekannte Material. Ein wenig haben sie die Doowop-Chöre beschnitten, die „Ahhs“ und „Chalalas“. Geblieben sind herzhafte Uptempo-Melodien, die sich schon nach dem zweiten Hören festsetzen. Geblieben ist auch die Lust am Krawall, der geschickt als working- class-Wut maskierte Dünkel. Im Stück „Angry Mob“ etwa besingen die Chiefs eine Masse, die leicht aufzubringen und auch einzulullen ist. Lag bei ihrem Hit „I Predict A Riot“ der Aufstand noch in der Luft, ist er jetzt niedergedampft zur wohlfeilen Drohung.

Die Songs erschöpfen sich in Überdruss und Ressentiment. Man besingt Jugenderinnerungen, beklagt die allgemeine Durchschnittlichkeit heutzutage oder stellt klar, dass man ganz gut alleine zurechtkommt, aber dass es zu zweit doch besser ist. Manchmal klingt dieses Wanken zwischen Müdigkeit und Unzufriedenheit wie die angeschnöselten Leierkastenklagen der frühen Blur – unüberhörbar sind die goldenen Zeiten des Britpop der Neunziger die große Referenz für die Kaiser Chiefs. Das Erbe ist bei ihnen in guten Händen. In anderthalb Stunden langweilt die Band, die letztes Jahr als bester Live-Act mit einem Brit-Award bedacht wurde, keine Minute. Doch die Kraft des Neuen ist verschwunden. Im letzten Stück der Platte, mit dem die Kaiser Chiefs auch ihren Berliner Gig beschließen, singt Wilson davon, dass er in den Ruhestand geschickt werden will: „I want to retire / No longer required“. Das könnte sich schneller erfüllen, als er denkt.

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