Kultur : Revolution und Reue

Salzburger Festspiele: Nicolas Stemann entschlackt Schillers „Räuber“

Andres Müry

Der Vater ist schon tot, wenn dieser Vatermord beginnt. Vier adrette, wohlerzogene Jungs mit Pullunder und Schlips kommen locker auf die leere, weitaufgerissene Bühne geschlendert, auf deren silbermetallische Rückwand „Die Räuber“ projiziert ist.

„Saal im moorischen Schloss. Franz. Der alte Moor“, skandieren die vier die Szenenanweisung. Doch kein alter Moor erscheint, bei dem Franz, der Zweitgeborene und Nesthocker, den Bruder Karl mit einem gefälschten Brief im fernen Leipzig diskreditieren könnte. Im mikroportverstärkten Sprechchor, der nun im Stil der „Publikumsbeschimpfung“ folgt, geistert der Vater bloß als ironisches Stimmimitat des toten Minetti von Mund zu Mund: Reminiszenz des alten, vermeintlich überwundenen Theaters.

Der Dekonstrukteur Nicolas Stemann, der Schillers „Räuber“ bei den Salzburger Festspielen draußen auf der PernerInsel in Hallein herausgebracht hat, kündigte schon im Vorfeld Erstaunliches an. Er wolle keine aktuellen politischen Analogien auf der Bühne, weder die RAF noch Neonazis noch Taliban, sondern texttreu verfahren: Schillers aufrührerisches, am Ende untergangstrunkenes Jugendwerk heruntergedimmt auf ein „Wortkonzert“. Keine äußere Wirklichkeit, weder Politik noch Geschichte, als Bezug, sondern einzig: das Theater.

Die vier Schauspieler Philipp Hochmair, Daniel Hoevels, Felix Knopp und Alexander Simon haben erst einmal Carte blanche: Sie können sich lustvoll als narzisstische Entertainer gebärden. Was für ein theaterimmanenter Spaß, wenn sie als die vier Franze ausrufen: „Ich will alles um mich her ausrotten, was mich einschränkt, dass ich nicht Herr bin!“ Und durch simplen Kostümwechsel zu vier Karls geworden, greifen sie sich Bierflaschen, erklimmen die Zuschauerränge und skandieren: „Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus“ – ein schelmischer Verweis auf die Freiheit des „jungen“ Regietheaters.

Allerdings, der Besetzungszettel weist noch vier weitere Darsteller aus, die das „Wortkonzert“ immer wieder zu fast konventionellen Intermezzi öffnen. Da ist Maren Eggert, die walkürenhafte Amalia im langen Schleppenkleid, wie ein Zitat aus „Räubern“ vergangener Tage. Sie räumt dem alten Moor, dessen Ältestem Karl sie eisern die Treue hält, Samtfeuteuil und Stehlampe heran (Bühne: Stefan Mayer. Der wunderbare Christoph Bantzer tapert im gräflichen Brokatgewand mit Schnallenschuhen herbei: wie der gute, ein bisschen demente Geist des Hamburger Thalia-Theaters, das die Aufführung koproduziert.

Hier im Schoß der Familie findet Stemann zu anrührenden Tönen, aber auch zu Szenen widerwärtiger Gewalt. Erst hält Amalia die vier verklemmten Franze durch ihre strahlende Erotik auf Distanz. Später, der Macht nähergekommen, treiben sie das Objekt der Begierde brutal vor sich her, bis zu einem hastigen Rudelbumsen in Hundestellung. Texttreu ist das weniger (Amalia wehrt Franz eigentlich mit dem Degen ab), aber sinnfällig: Der Idealisierung der Frau steht die bis dahin einzige sexuelle Erfahrung des 20-jährigen Schiller im Bordell gegenüber.

Im Gegenschnitt sengen und morden der vom Vater verstoßene Karl und sein Bande: Absehbar war, dass der passionierte Rockmusiker Stemann die Exzesse des dritten Akts mit einer Rocksession abfeiern würde. Lamellen öffnen sich in der Rückwand, eine Scheinwerferbatterie feuert gleißendes Licht, doch das Intermezzo leitet bald über zu einer cellobegleiteten Donau-Idylle, wo Karl sein waidwundes Herz an der Naturschönheit labt. Dies ist die Stunde von zwei weiteren Geistern des alten Thalia-Ensembles: Peter Maertens und Katharina Matz kommen in Funduskostümen als Zweierchor über das Schlachtfeld geschritten: Sie übernehmen die Texte des neu in die Bande eintretenden Kosinsky, später auch die des treuen Dieners Daniel und des Pastors Moser.

Die poetischste Szene kommt nach der Pause. Karl nähert sich in gräflicher Verkleidung dem väterlichen Schloss, wo Franz herrscht und der alte Moor, vermeintlich tot, in einem Verlies vegetiert. Für die Welt der Väter, die Karl in die Revolte verstieß, ließ Stemann auf der Seitenbühne eine Duplo-Miniaturstadt mit Fachwerkhäuschen und Biergarten aufbauen. Eine Kamera (bewegt von der Videokünstlerin Claudia Lehmann) projiziert das Idyll auf die Rückwand, mitsamt der vier Karl-Köpfe, die gerührt auf ihre intakte Kindheit zurückschauen. Später beim Showdown wird das Schloss hier mit echten Feuerchen abgefackelt.

Das Ende ist Komik und Schrecken zugleich: Der alte Moor schlurft als nicht totzukriegendes Theatergespenst herbei. Und einer der Franze spielt sich in alter, dämonischer Rollentradition nach vorn: Alexander Simon. Er wird von drei Karls über die Bühne gejagt und an langem Tau aufgehängt. Der Viererchor zerstört sich selbst. Im übrigen wirkt der fünfte Akt noch unfertig. Fliegende Textblätter wechseln hektisch die Hände, wie man’s aus Stemann-Inszenierungen kennt. Um die Sache spektakulär zu enden, muss Amalia herhalten: Sie darf ihren Tod als Regieanweisung zitieren: „Karl ermordet sie“. Dann trifft sie ein peitschender Schuss, Zusammenbruch, Blackout. Das Frauenopfer als effektvolle Schlussbotschaft. Besser hätte Karls reuige Rückkehr in den Schoß der Gesellschaft zu diesen „Räubern“ gepasst, die alles in allem fast einen restaurativen Zug haben.

Nicolas Stemann, Jahrgang ’68 – bald wird er 40, ein Theatergreis! – spricht von der Sehnsucht seiner Generation, das Schloss der Väter, das man eingerissen hat, wiederaufzubauen. Diese „Räuber“ spielen schon mal damit. Für Thomas Oberender, den 2007 eher glücklosen Chef des Salzburger Schauspiels, sind sie – nach Andrea Breths „Verbrechen und Strafe“ – der zweite starke Erfolg. Und sie zeigen die Entwicklungslinie: Dostojewskij war in Sachen Vatermord und Widerruf Schillers gelehriger Schüler.

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