Kultur : Revolutionen dauern Jahre

Kent Naganos erste Münchner Opernpläne

Mirko Weber

Kent Nagano, noch Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, häufig bereits in München, hat die Zeichen der Zeit erkannt: Er will besser Deutsch lernen – und wird wohl zum Vorzeigekind der Staatsregierung avancieren. Dabei passt sein Pidgeon-German genau zur Situation an der Münchner Oper: Nagano lebt von 2006/07 an für zwei Jahre lang im Provisorium. Er ist der Chef – und ist es nicht. Im Hintergrund agiert der designierte, erst ab 2008 verfügbare Klaus Bachler, der noch an die Wiener Burg gebunden ist. Er fehlt prompt auch bei der Vorstellung des neuen Spielplans im Königssaal des Nationaltheaters. Nagano wird die Dinge also vorerst mit einem „Leitungsteam“ im Rücken richten müssen. Unter all diesen Umständen liest sich der Spielplan durchaus interessant.

Eröffnet wird die neue Saison mit einer Doppelpremiere. Dabei geht Strauss’ „Salome“ eine Opernszene von Wolfgang Rihm voraus. „Das Gehege“ – inspiriert von Botho Strauß’ „Schlusschor“ –, singen soll Gabriele Schnaut. Der Chef selbst dirigiert und bringt einen seiner Lieblingsregisseure mit, William Friedkin („Leben und Sterben in L.A.“). Alle anderen Neuproduktionen gehen an arrivierte Kräfte. So wird Jürgen Rose Massenets „Werther“ ausstatten (am Pult: der Barockspezialist Ivor Bolton). Auch Mussorgskys „Chowantschina“ betreut Nagano selbst, der insgesamt fünfzig Vorstellungen dirigieren will, für die Szene zeichnet hier der junge Dimitri Tcherniakov verantwortlich (den Berlinern bereits durch „Boris Godunow“ an der Lindenoper bekannt).

Einen besonderen Schwerpunkt will Nagano auf den frühen Verdi legen: Claus Guth führt Regie bei „Luisa Miller“ (Dirigent: Massimo Zanetti). Und schließlich brauchen auch die Opernfestspiele eine Aufsehen erregende Premiere. Zur Uraufführung kommt „Alice in Wonderland“, geschrieben von der koreanischen Komponistin Unsuk Chin. Achim Freyer liefert hierzu die Bilder. Danach Rossinis „Turco in Italia“ und wiederum ein Verlässlicher am Werk: Christof Loy (Dirigent: Maurizio Barbacini). Zwei Uraufführungen, immerhin, aber die Bayerische Staatsoper ist ja vor allem ein Repertoiretheater. Diesbezüglich hält sich der neue GMD zurück und dirigiert nur ein bisschen „Parsifal“, den Rest an Wagner (inklusive „Ring“) muss Peter Schneider richten. Weitere Großproduktionen wie „Moses und Aron“ (die letzte Premiere der Ära Jonas) und Mozarts „Figaro“ werden von Lothar Zagrosek betreut. „Revolutionen brauchen Jahre“, so Nagano jetzt in München. Poppigen Barock – wie unter Jonas legendär geworden – ist seine Sache nicht. Dafür will er die Oper „relevant“ machen, in „eigener aesthetic shape“.

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