Rezension : Clios Gehilfe

Fremd sein, Erzähler sein: Aris Fioretos’ Auswandererepos „Der letzte Grieche“.

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Cover von Aris Fioretos' Roman "Der letzte Grieche".
Cover von Aris Fioretos' Roman "Der letzte Grieche".Foto: promo

Wer, wenn nicht Aris Fioretos sollte diesen Roman schreiben? Eine Auswanderergeschichte, die nicht nur das Schicksals eines Gastarbeiters beleuchtet, sondern die Geschichte eines ganzen Volkes als Migrationsgeschichte umreißt. Und die dabei orientalische (also alles mit allem verwebende) mit modernen (also dem Fragment verpflichteten) Erzählweisen verschränkt und sie in eine postmoderne (also ironische) Konstruktion einhängt, die so dehnbar ist, dass sie Exkurse über Zeit und Identität (oder die Geschichte des Zahnstochers) integriert, ohne das große Ganze aus dem Blick zu verlieren. Der Schriftsteller und Essayist Aris Fioretos, der 1960 in Göteborg als Sohn eines Griechen und einer Österreicherin geboren wurde, in Stockholm und Yale studierte, seit 1997 in Berlin lebte, wo er einige Jahre das Amt des Kulturattachés der Schwedischen Botschaft bekleidete, um 2010 als Professor für Ästhetik nach Stockholm zurückzukehren. So kosmopolitisch seine Biografie, so ehrgeizig ist sein dritter Roman: „Der letzte Grieche“.

Der letzte Grieche, damit ist auf den ersten Blick Jannis Georgiadis gemeint, der Bauernsohn aus dem nordgriechischen Dorf Áno Potamiá, der in den sechziger Jahren das letzte Familienhemd verpokert und darauf nach Schweden auswandert. Die Odyssee von Jannis bildet das Herz des Romans. In Schweden kommt Jannis bei einem griechischen Arzt unter, der mit seiner österreichischen Frau und ihren zwei Söhnen an einem idyllischen See lebt. Hier lernt er die ersten schwedischen Wörter und die Kälte kennen, hier verliebt er sich in Agneta, die Kinderfrau des Hauses, die er heiraten wird. In seinem Kellerzimmer verfolgt er am Radio aber auch die Entwicklungen in der Heimat, wo seit 1967 das Militär herrscht, und hängt seinen melancholischen Fantasien nach. Jannis ist eine ungewöhnliche Figur. Ein philosophischer Tor. Einerseits kann er kaum lesen und schreiben, andererseits hat er seine Großmutter als Kind mit Fragen wie „Wie viele Engel ergeben ein Kilo?“ gelöchert. Jannis’ Grunderfahrung ist die: „Menschen bestehen aus anderen Menschen“. Das bedeutet, dass wie in den antiken Dramen Schuld von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Und dass der Enkel den Phantomschmerz der Großeltern über die verlassene Heimat intensiv erlebt wie seinen eigenen.

Es ist der zentrale Satz dieses beeindruckenden Romans, aus dem sich auf einfach komplizierte Weise Stoff und Erzählweise herleiten. Jannis fühlt sich mit seinen Vorfahren zwar verwoben, aber eben auch fremd gegenüber sich selbst. So schnell er die Sprache lernt und alle durch seine zupackende und höfliche Art für sich einnimmt, wird er doch nie in Schweden ankommen können, weil es zu seinem „griechischen“ Lebensgefühl gehört, immer auch woanders zu sein. Und natürlich kann er nicht seine eigene Geschichte erzählen. Das übernimmt ein gewisser Kostas Kezdoglou, der aus einem Nachbardorf stammt und ebenfalls nach Schweden ausgewandert ist. Er schreibt Jannis’ Geschichte auf Karteikarten, die nach seinem Tod dem „Herausgeber“ Aris Fioretos in die Hände fallen, der das Ganze als Roman veröffentlicht. Dieses Herausgeber-Vorwort liest sich leider genauso altbacken und gestelzt wie es sich anhört – dafür ist das Folgende umso bestechender. Denn warum erzählt Kezdoglou überhaupt Jannis’ Geschichte?

Aus einem schlechten Gewissen heraus. Er hat Jannis damals Agneta ausgespannt und damit – wie sich im anrührenden letzten Kapitel zeigen wird – eine Tragödie heraufbeschworen. Nun versucht er es gutzumachen und zeichnet Jannis philosophisch angehauchter, literarisch passender und heldenhafter, als er es in Wirklichkeit war. Gleichzeitig unterwirft er sich Jannis’ Diktum und erzählt dessen Leben, indem er die Familientraumata bis tief ins 19. Jahrhundert nachzeichnet. Schon Jannis’ Großmutter musste ihre Heimatstadt Smyrna verlassen. 1922 wurde sie als Teil der griechischen Minderheit während der sogenannten kleinasiatischen Katastrophe vertrieben.

Atatürks Truppen töteten ihren ersten Mann und zwei ihrer Kinder, sie selbst konnte erst nach Zypern flüchten und siedelte sich später in Nordgriechenland an. Grieche sein bedeutet fremd sein, selbst im eigenen Land – das ist der eine Aspekt von Fioretos’ Griechen-Definition. Der beruhigende Zusatz lautet: Grieche sein bedeutet Erzähler sein (und ungekehrt!). Nicht umsonst hat der Autor seinem Roman dieses Goethe-Zitat vorangestellt: „Jeder sei auf seine Art ein Grieche ...“

In dieser Tradition steht Kostas Kezdoglou. Dessen Großmutter hatte 1928 mit emigrierten Freundinnen den ersten Band einer Enzyklopädie verfasst, die alle emigrierten Griechen auflisten wollte. Jedes Schicksal sollte aufgehoben sein, jeder Vergessene erinnert werden. „Die Gehilfinnen Clios“ nennt Fioretos dieses Großmutterschreibkollektiv. Indem Fioretos Jannis’ Geschichte als Fortsetzung dieses fiktiven Projekts entwirft, entsteht etwas Unheimliches: Jannis wird zum Stellvertreter. Hinter ihm werden all jene spürbar, von denen nicht berichtet werden kann, derer indirekt aber doch gedacht wird. Der Chor ist unsichtbar, aber anwesend.

Fioretos’ romantische Ironie, die Einschübe und Kommentierungen sind dabei kein Selbstzweck, sondern eine Maskerade zum Trost. Die auktoriale Verspieltheit macht es möglich, beliebig zwischen den Ebenen zu springen, und sie ist das Gefäß, in dem das Schwere erträglich wird. Die Texte auf den Karteikarten gehorchen keiner chronologischen Ordnung. Denn wenn jeder in jedem weiter existiert, lösen sich nach Jannis’ Maxime die Zeiten auf und gerinnen zu einer ewigen Gegenwart des Schmerzes. „Nur ich kenne den Verlust. Er lässt sich nicht erzählen“, sagt Jannis zu seiner kleinen Tochter im Auto auf dem berüchtigten jugoslawischen Autoput, bevor das Unglück passiert. So spricht der Fremdheits-Grieche. Singen kann man den Verlust aber schon, antwortet Aris Fioretos, der Epiker.

Aris Fioretos: Der letzte Grieche. Roman. Aus dem Schwedischen von Paul Berf. Hanser Verlag, München 2011. 416 S., 24,95 €.

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