Rezension : Der Feind in den Fugen

Literaturfestival Berlin: Marie NDiaye begibt sich in den grausamen Mikrokosmos Familie. Eine Rezension ihres neune Romans "Mein Herz in der Enge".

Ulrike Baureithel

Der die herbstliche Agonie einläutende Regen schien am Dienstagabend schon auf das einzustimmen, womit Marie NDiaye ihre Zuhörer beim Internationalen Literaturfestival konfrontierte. Die ersten fünf kurzen Kapitel ihres neuen Romans „Mein Herz in der Enge“ (Suhrkamp Verlag, aus dem Französischen von Claudia Kalascheuer, 284 Seiten, 22,80 €) reichten aus, um das Publikum in Beklemmung zu versetzen. Was passiert, wenn sich Menschen von ihrer vertrauten Umgebung plötzlich feindlich wahrgenommen und umstellt fühlen? Wenn das eingespielte Leben aus den Fugen gerät und sich diffuse Angst in das Gefäßsystem der Beziehungen frisst?

Die 1967 bei Orléans geborene und in gutbürgerlichen Pariser Vorortverhältnissen aufgewachsene Autorin mit dem faszinierenden Gesicht, der zurückhaltenden Stimme und der sorgsam akzentuierten Sprache steht in eigenartigem Gegensatz zu den Themen, von denen ihre Romane und Theaterstücke handeln. Zerrüttete Familienbande, rücksichtslose und brutale Mütter und überhaupt Frauen, die einem wie schon „Rosie Carpe“, die ihrer Schöpferin 2001 den „Prix Femina“ einbrachte, nicht sonderlich sympathisch entgegentreten. Die Leidenschaften, sagt NDiaye, seien es, die sie am Mikrokosmos Familie interessierten, und die Grausamkeit.

Sarkozyflüchtig

Auch Nadia, die Ich-Erzählerin von „Mein Herz in der Enge“ ist nicht unbedingt eine Figur fürs Poesiealbum, obwohl NDiaye, von Angela Spizig danach gefragt, sie in ein freundlicheres Licht zu rücken versucht. Dass Nadia sich gegen die beiden Töchter ihres Mannes Ange aus erster Ehe nicht durchsetzen kann und den zwielichtigen Monsieur Noget, der sich in der Wohnung des rechtschaffenen Lehrerpaares festsetzt, nicht los wird, zeugt von einer Schwäche, die in der biographischen „Ursuppe“, in schuldhaften Verstrickungen und Verwerfungen angelegt sein muss. So leiht das im Nebel versinkende Bordeaux den Hintergrund für den bedrohlich anmutenden Raum, in dem NDiayes Figuren agieren.

So wie sie ihre Protagonisten auf Reisen nach Guadeloupe oder ins Mittelmeer schickt, ist auch Marie NDiaye, zusammen mit ihrem Schriftstellerpartner Jean-Yves Cendrey und den drei Kindern, oft unterwegs. Ihr aktueller Ort der Inspiration ist derzeit Berlin, das sie und die Familie gegen die Sonne von Bordeaux und erklärtermaßen auch gegen Nicolas Sarkozy eingelöst haben. Doch von Politik wurde an diesem Abend im Haus der Berliner Festspiele nicht gesprochen, nicht über den senegalesischen Vater, den Marie NDiaye erst mit elf Jahren kennen lernte oder ihre Ausgrenzungserfahrungen, die sich womöglich ins thematische Repertoire der Autorin eingeschmuggelt haben. Das war schade, denn bei aller Enthobenheit, die Marie NDiayes Romane und Stücke ausstrahlen, diese seltsame, an Kafka erinnernde Entrücktheit, sind ihre Texte alles andere als unpolitisch – nicht nur in dem Sinn, dass alles Private politisch ist.

Am 4. 10. um 20 Uhr findet im Haus der Berliner Festspiele eine szenische Lesung von Marie NDiayes Stück „Hilda“ statt.

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