Rezension : Hip-Hop gegen den Krieg

In "War Child" kommt es zu einem Treffen mit einem Ex-Kindersoldaten. Er wurde als Neunjähriger zum Terroristen gedrillt, bereit "so viele Araber zu töten wie möglich." Mitterweile hat sich Emmanuel Jal dem HipHop verschrieben.

Julian Hanich
war child
Rapper Emmanuel Jal in "War Child". -Foto: Berlinale

Er trägt einen weißen Wollpulli, Khakihosen und Turnschuhe. Zur Begrüßung kommt er mit federnden Schritten und reicht eine feingliedrige, sehr weiche Hand. Wenn er spricht, baumeln kurze Zöpfe vor der Stirn. Und sein Englisch ist getränkt in diesem freundlichen afrikanischen Akzent, der die Konsonanten abrundet und die Vokale dehnt. Doch dann sagt Emmanuel Jal plötzlich Sätze wie: „Ich wollte so viele Araber töten wie möglich. Ich war eine Art Terrorist.“ Und: „Ich stellte mir vor, wie ich ein Flugzeug stehle, nach Khartum fliege und dort Muslime töte.“ Auch wenn es in diesem Moment schwer vorstellbar ist: Dieser 28-jährige Mann mit der leisen Stimme, der uns jetzt mitten in der surrenden Hektik des Festivals in einem schwarzen Ledersessel gegenüber sitzt, wurde als Kind zum Soldaten gedrillt. Nach mehreren Monaten Ausbildung zog er mit seinem AK-47 Sturmgewehr in den Bürgerkrieg, um als christlicher Südsudanese Muslime zu töten. Da war er gerade neun oder zehn Jahre alt.

Die Situation hat etwas Sonderbares, ja Absurdes. Ausgerechnet in der Journalistenlounge des Klatschmagazins „Vanity Fair“ – zu Deutsch: Jahrmarkt der Eitelkeiten – soll das Gespräch am Potsdamer Platz auf Emmanuel Jals Vergangenheit kommen. Was darf man dabei als Reporter fragen? Soll man nachhaken bei dem, was er auch in der Dokumentation „War Child“ (Generation 14plus) andeutet? In Christian Karim Chrobogs bemerkenswertem Porträt erzählt er sehr offen, wie er in Kriegsgefechte verwickelt wurde, kurz vorm Verhungern dem Kannibalismus nahe kam und sich von Hyänen- und Geierfleisch ernähren musste. Und wie er dann auf abenteuerliche Weise von einer jungen englischen NGO-Mitarbeiterin aus dem Land geschmuggelt wurde und so dem Grauen im Sudan entkam.

Oder sollte man das Gespräch vielleicht doch eher auf seine Musik konzentrieren? Zumal man vieles über Emmanuel Jals Vergangenheit aus seinen Raps erfährt. Jal ist mittlerweile ein bekannter Hip-Hop-Musiker, der unter anderem am Soundtrack zum Leonardo DiCaprio- Film „Blood Diamond“ mitgearbeitet hat. Der Rap ist bei Jal eine Form der oral history, der erzählten Geschichtsschreibung. Der Rapper Chuck D. hat einmal gesagt, Rap-Musik sei das CNN der Schwarzen. Bei Emmanuel Jal wird der Sprechgesang zu einer Liveschaltung in die sudanesische Vergangenheit, seine Auftritte zu einer Sondersendung über Gewalt und Millionen von Toten. Jal macht Aufklärungsmusik.

Über den Rap stieß auch Regisseur Chrobog auf Jal. Der ägyptisch-deutsche Diplomatensohn mit Wohnsitz in Washington wollte ursprünglich eine Serie über Hip-Hop drehen. Als er Emmanuel Jal traf, war sofort klar: Dessen Leben liefert viel aufregendere Geschichten. Und so begaben sich die beiden auf eine Reise in Jals Vergangenheit – von den USA zurück nach Afrika –, die der Film ausführlich dokumentiert. Auch wenn „War Child“ manchmal mit einer etwas betulichen „Brot für die Welt“-Ästhetik daherkommt: Der Film bringt einem die Eloquenz und einnehmende Musik von Emmanuel Jal sehr nahe.

Deshalb: Fragen wir Emmanuel Jal also zu seiner Musik, um dadurch zur Vergangenheit vorzudringen. „Warum haben sie damals begonnen, Hip-Hop-Musik zu machen?“ Darauf antwortet er mit einem Satz, den man auch im Film hören kann: „Ich glaube, dass ich aus einem bestimmten Grund überlebt habe: um meine Geschichte zu erzählen und damit das Leben anderer zu berühren.“ Darüber hinaus sei die Musik eine Form der Befreiung. Man muss sich die Macht der Musik daher wohl wie einen Exorzismus vorstellen, der ihm half, die Dämonen der Vergangenheit auszutreiben. Weil sie die hässlichen Dinge nach draußen schleudert, ist Emmanuel Jal letztlich auch seinen Hass auf die Araber losgeworden: „Ich habe mittlerweile viele muslimische Freunde.“

Heute 9 Uhr, 17. 2., 14.30 Uhr (jeweils Babylon Mitte)

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