Kultur : "Rheingold": Wagnis Wagner: Morgen Meiningen?

Christine Lemke-Matwey

Ob mit Musik oder ohne (wie zuletzt in Frankfurt/Main), ob mit vier Regisseuren (wie jüngst in Stuttgart) oder an vier aufeinander folgenden Tagen (wie jetzt in Meiningen): Wagners "Ring" hat Konjunktur. Und mit ihm sein Schöpfer, dieser Quälgeist und Ex-Revoluzzer: Erst mit Bakunin auf den Barrikaden, dann die ganze Welt als Gesamtkunstwerk. Auch Ludwig II., der Kini, galt als verrückter Egomane. Zimmerte sich eine Welt aus lauter Wahn und saß am liebsten allein im Theater. Beide, den Komponisten und seinen maliziösen Gönner, hat Christine Mielitz - ihrerseits seit zwei Jahren vom "Wagnis Wagner" besessen - nun auf die Bühne des Meininger Theaters gewuchtet: zwei überlebensgroße Marionetten, an steifen Fäden baumelnd und aus Pappmaché gemacht. Der Kini im Hermelin ist der Riese Fasolt, Richard Wagner mit der Hakennase ist Fafner, sein Bruder und Brudermörder. Fein, sagt sich der nimmermüde "Ring"-Tourist, das kleine Meiningen schielt weder nach Bayreuth noch nach Kiel oder Graz. Meiningen bleibt Meiningen (eine Theaterstadt mit Tradition!), und Christine Mielitz, die Intendantin, Initiatorin und Regisseurin des Mammutprojekts, weiß offenbar haargenau, was sie will: Von jedem etwas und von nichts zu viel. Ein bisschen Entstehungsgeschichte (auch Wotan kommt seltsamerweise wie Wagner daher), ein bisschen politischer Hintergrund (Donner und Froh tragen Hammer und Sichel in Händen, Loge tritt als Che Guevara auf), ein bisschen Mann-Frau (die Rheintöchter als schwabbelige Anti-Nanas, Erda als Ur-Mutter aus dem Walhall-Keller). Einzig Alberich, der böse Zwerg, scheint der Gegenwart entsprungen. Spätestens hier wischt sich der Wagner-Freund erste Schweißperlen von der Stirn: Alles schon einmal dagewesen, alles bloß müde verquirlt. Daran vermögen - was das "Rheingold" betrifft - auch jene Koryphäen nichts zu ändern, mit denen Mielitz sich (vorsorglich?) gepanzert hat. Walter Jens nicht, der den Einführungs-Festvortrag hielt, und Alfred Hrdlicka als Fest-Bühnenbildner wohl erst recht nicht.

Wäre, ja wäre da nicht die Musik. Von Kirill Petrenko - dem zukünftigen Musikchef der Komischen Oper - wird am Mittwoch zu schwärmen sein, der Wagner so leicht nimmt und so schwer wie Mozart oder Lortzing. Das Orchester des Meininger Theaters wird zu rühmen sein, das spielt, als stünde Harnoncourt oder Minkowski vor ihnen; und eine junge Sängerschar (Franz Hawlata, Günter Neumann, Andrea Bönig, Niclas Oettermann u.v.a.) wird über den grünen Klee zu loben sein, die sich alle Klischees, jedes Brüllen, Drücken und Forcieren, glänzend gelaunt, vom Leibe zu halten versteht.

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